Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 2

Sie hatte nicht gut geschlafen und um so mehr erstaunte Kassiopeia es nicht, dass sie früh wach war. Ildan war noch da und sie lächelte, als sie vorsichtig und behutsam aufstand. Es war noch zu früh und sie wollte ihn nicht wecken, auch wenn sie es sich nicht verkneifen konnte, ihm kurz durch das Haar zu fahren, wie zur Versicherung, dass er wirklich noch da war.

Aber sie konnte nicht mehr schlafen, sie musste aufstehen, umherlaufen – sie war eben doch ein Wildfang. Jedenfalls hielt es sie seit ihrem Aufstieg nie sonderlich lange an einem Ort; und das obwohl sie bis zu ihrem Aufstieg über zwanzig Jahre am gleichen Ort lebte. Ein Wunder, dass Tolbas die letzten Wochen zu etwas ähnlichem wie ihrem zu Hause geworden ist.


Was sie aber erstaunte, waren die neuen Wachen vor dem Haus. Schwerter der Seraphim? Sie kannte sie nicht gut, sie erinnerte sich nur noch zu gut an die wenigen Begegnungen mit ihnen.

Mehrere Male war sie mit einem von ihnen aneinander geraten – den Namen kannte sie noch nicht einmal, wollte sie auch gar nicht wissen. Das waren keine Daeva, mit denen sie sich abgeben wollte. Sie kannte zwar den ein oder anderen von ihnen, den sie sogar schätzte, doch diese Personen kannte sie noch, bevor sie den Schwertern beigetreten waren.

Der Morgentau hing noch im grünen Gras von Tolbas, während nur die ersten Sonnenstrahlen mühsam den Horizont hoch krochen. Es kam, wie sie es vermutete, als sie schlaftrunkten hinaus trat.

Recht unwirsch wurde sie angeredet. Sie wollten Informationen zu dem Überfall. Aber wo war Lomea? Sie rückten nicht wirklich mit der Sprache heraus und da sich Kassiopeia um Lomea sorgte, die ihnen die letzte Zeit schon häufig genug geholfen hatte, obwohl sie zu den Schwertern gehörte, machte es Kassiopeia noch misstrauischer.

Kassiopeia zögerte. Sie wusste nicht, was sie sagen durfte, was sie erzählen durfte – besonders nicht gegenüber Schwertern. Wollten sie wirklich nur helfen? Nach einigen Anfangsschwierigkeiten des Gesprächs schien die Frau tatsächlich freundlicher zu werden. Dennoch traute Kassiopeia ihr nicht über den Weg. Wo das Schwarze Tor auf der einen Seite das Extrem betrat, so waren es die Schwerter auf der anderen Seite – und beides war nicht gut für Sanctum, wie Kassiopeia fand.

Was also konnte sie ihnen erzählen? Und was verriet sie nicht auch so schon? Kassiopeia wusste, dass sie nicht die beste Lügnerin war – und sowas war eine Jägerin Vaizels, wie ihr immer wieder mit schiefem Grinsen bewusst wurde. Vaizel würde sich beschämt abwenden, wenn er das erfahren würde.

Aber sie bemühte sich, denn sie wusste nicht, was Aeson in Schwierigkeiten bringen würde. Das wollte sie ihm nicht antun. Also verheimlichte sie, was die Botschaft des Schwarzen Tores an Ildan war. Auch verheimlichte sie, dass Aeson irgendetwas damit zu tun haben könnte. Sie würde ihn nicht verraten. Er war Ildans Freund und sie spürte, dass er ihm wohl viel bedeuten musste – ganz davon ab, hatte Aeson ihr auf der Suche nach Ildan beigestanden. Freunde lässt man nicht im Stich und so wollte sie auch Aeson nicht im Stich lassen.

Sie warf den Schwertern Häppchen von Informationen hin, um sie zufrieden zu stellen. Sie erwähnte die Namen, die sie gehört hatte, auch wenn es vielleicht nicht die wirklichen waren. Sie berichtete vom Überfall an sich, wie sie ausgetrickst wurden und von dem Äthermesser an ihrer Kehle, von dem rohen Porgus-Fleisch zu ihren Füßen und wie Ildan und Lomea die hungrigen Worgs vertrieben hatten.

Das erzählte sie und sie ließ den Namen vom Schwarzen Tor fallen. Schaden konnte es doch nicht, wenn die Schwerter dem Schwarzen Tor zusetzten, oder? In diesen Sachen blieb sie ehrlich, denn sie wusste, dass sie wohl sowieso nicht hätte lügen können. Dennoch ließ sie einige Sachen aus – Hauptsache, Aeson geriet nicht in die Reichweite der Klinge.

Nein, sie war keine gute Lügnerin und auch Auslassungen konnte sie nicht schwer machen, ohne dass eine rote Ohrspitze, ihre Gesichtsfarbe oder die Bewegungen ihrer Augen sie verrieten. Aber es schien den Schwertern genug zu sein – vorerst. Erschöpft ging sie wieder ins Haus unter den starren, verfolgenden Blicken der Schwerter.

Stolz war sie schon, wie sie das über die Bühne gebracht hatte, auch wenn es sicherlich nicht anders war als sonst. Aber dennoch war es ihr gelungen, in bestimmten Momenten sich doch zusammen zu reißen. “Nichts gibt so viel Selbstvertrauen wie eine tiefe Liebe”, hörte Kassiopeia ihre Freundin Eilinora in Erinnerung sagen.

Ein zögerliches Lächeln umspielte Kassiopeias Lippen und sie nickte sacht. Ja, sie spürte zumindest ansatzweise, was Eilinora ihr damit sagen wollte. Sie würde nicht selbstbewusster werden, sie würde nicht weniger stottern, nicht weniger rot werden, aber es war ihr tatsächlich gelungen, sich die Situation nicht gänzlich aus der Hand nehmen zu lassen und vielleicht hatte sie es sogar noch nicht einmal so auffällig gemacht.

Wie viel lieber ihr doch wäre, eine Legion Asmodier oder Balaur vor sich zu haben. Das wäre einfacher, das wäre klarer. Das passte eher in ihr Schema von Schwarz und Weiß, das sich schmerzhaft für sie langsam zu vermischen begann, auch wenn sie sich mit allem Idealismus und aller Naivität dagegen wehrte.

Sie fühlte sich nicht wohl und fühlte sich erschöpft. Also ging sie wieder dorthin, wo sie Zuflucht vor dieser Erschöpfung suchte. Wo sie einfach ihren Kopf anlehnen konnte und hoffte, dass alles wieder besser werden würde. Sie würde ihn nicht wecken wollen. Doch sie mussten sich unterhalten über alles. Und er musste sich ausruhen, denn in diesem Zustand, da war sie sich sicher, würde er auf halbem Weg zusammenbrechen. So würde er Aeson nicht helfen können.

Aber sie würde alles daran setzen, Ildan die Kraft zu geben, die er brauchte. Und sie wollte kein Klotz an seinem Bein sein. Doch dazu musste sie endlich mit ihm reden. Wie schwierig es sein kann, einfach ein paar Minuten zu finden, um sich nur zu unterhalten? Aber zunächst wollte sie nur noch die kurze Zeit Ruhe nutzen an seiner Seite, während er schlief und wollte so tun, als ob die ganze Welt so in Ordnung sei, wie in ihren Träumen.

“Habe ich wirklich das Richtige gemacht? Oder habe ich falsche Sachen verraten? Ich hoffe, ich habe niemanden in Schwierigkeiten gebracht…”

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