Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 3

“Geh nicht!”
“Ich muss, Kassi, ich muss. Ich habe es dir doch erklärt.”
“Aber kannst du nicht auch hier bleiben?”
“Naye, es ist meine Pflicht – für deine Mutter und auch für dich. Ich werde auf euch nun aufpassen.”
“Aber wie kannst du auf uns aufpassen, wenn du nicht da bist?”
“Das erkläre ich dir, wenn du größer bist. Habe bitte keine Angst, meine Kleine. Aion hat mir eine Pflicht gegeben und ich will sie erfüllen. Du musst nun stark sein, Kleine. Ja? Deine Mutter braucht dich nun.”
“Aber ich brauche dich auch!”
“Ich bin doch da. Ich werde dich nie verlassen. Ich bin nun ein Daeva. Ich werde immer bei dir sein – Daevas leben ewig. Das weißt du doch. Leb wohl, Sprösschen. Sei stark für deine Mutter und bereite ihr keinen Kummer. Sie hat es schwer genug.”
“Aber, Papa…!”

*** *** ***

Ildan stand vor ihr und Kassiopeia schluckte schwer, als sie ihn ansah.

“Was ist es, was dich bedrückt?”, er wirkte verwirrt. Nein, das hatte Kassiopeia nicht gewollt. Aber es fiel ihr auch so schwer, das zu sagen, was sie sagen wollte. Sie verstand es selbst noch nicht einmal so richtig.

Sie hatte eine solche Angst, ihn zu verlieren, wenn sie nicht bei ihm war. Aber ebenso hatte sie Angst, ihn zu verlieren, wenn sie ihn an sich klammerte. Und das konnte sie nicht, das wusste sie. Ildan war ein Wanderpriester. Sie war eine ruhelose Späherin. Natürlich würden ihre Wege sich trennen von Zeit zu Zeit, was doch aber nicht heißen musste, dass es kein gemeinsamer Weg war. Damit musste sie lernen umzugehen. Doch jetzt schon? Sie hatten noch nicht einmal Zeit bisher für sich gehabt. Würde er wieder zu ihr zurückkommen?

“Ich…”, Kassiopeia atmete tief durch. “Ich weiß, dass Aeson dein Freund ist. Du willst nach ihm suchen, das verstehe ich. Er… er ist ein guter Daeva, er hat mir viel auf der Suche nach dir geholfen. Er hat es verdient, dass man ihm hilft. Daher weiß ich, dass du ihm helfen willst. Ich… ich will dich nicht bei deiner Suche… aufhalten…”

*** *** ***

“Kassiopeia”, die Stimme ihrer Mutter war sanft und besorgt, als sie die Hand auf Kassiopeias Schulter legte. Kassiopeia registrierte es kaum. Sie blickte nur den Hügel hinunter und sah unter tränen-verschwommenem Blick die Umrisse ihres Vaters, wie er stolzen Schrittes den Daevas aus Sanctum folgte. “Kassiopeia…”Langsam erst nahm das kleine rothaarige Mädchen ihre Mutter wahr, wischte sich hastig und verschämt über das Gesicht. Tränen? Nein, da waren keine Tränen! Stark! Ja, Vater hatte gesagt, sie solle stark sein – für ihre Mutter. Also richtete sich Kassiopeia auf. Schon als kleines Mädchen war sie genauso groß wie ihre Mutter, die meisten anderen Mädchen in Tolbas in ihrem Alter überragend.Ihre Mutter lächelte, denn sie wusste nur zu gut, was in ihrer Tochter vorging. Sie musste aber nicht mit ihr darüber reden. Sollte sie glauben, dass sie nicht die Tränen bemerkt hatte. Immerhin machte es sie stolz, welche Stärke ihre Tochter doch bewies.Kurz grinste ihre Mutter, als sie einen kleinen Funkler vorbeifliegen sah und fing ihn mit den Händen: “Da, sieh, Kassi. Ein Funkler.” Sie hielt ihrer Tochter die geschlossene Hand leicht geöffnet hin, so dass Kassiopeia das sanfte Leuchten darin sehen konnte.”Wie schön.”
“Aye, Kassi. Aber meinst du, dass er dort in meiner Hand gefangen glücklich werden würde?”
“Aber wenn ihm etwas geschieht! Wenn ein Worg ihn schnappt oder sich ein Tog auf ihn setzt?”
“So ist das Leben.”


*** *** ***

Ildan blickte Kassiopeia immer verwirrter an.

“Ich…”, setzte sie wieder an. “Ich will kein Klotz an deinem Bein sein auf der Suche. Ich weiß, dass ich dich vermutlich aufhalte, aber ich möchte kein Hindernis sein. Ich sorge mich um dich und will nicht, dass dich das aufhält. Er ist dein Freund, er ist dir wichtig. Suche ihn bitte und lass dich auch nicht von mir aufhalten. Aber… achte bitte wenigstens auf dich. Du bist erschöpft – immer noch. Du kannst Aeson nicht helfen, wenn du auf halbem Weg der Suche nach ihm zusammenbrichst. Aber sei dir sicher, auch… auch wenn du alleine nach ihm suchen solltest, ich bin immer bei dir, auch… auch wenn ich nicht bei dir bin.”

Kassiopeia schnaufte. Klang das nur in ihren Ohren so dämlich? Zögerlich blickte sie zu Ildan. Wieso lächelte er? Wieso fasste er plötzlich an ihren Kopf und küsste sie mit jenem Leuchten in den Augen? Wieso waren es jene Momente schon so häufig gewesen, in denen sie etwas Merkwürdiges sagte, herumstotterte, versuchte, etwas zu sagen und dachte, er würde wütend werden oder enttäuscht sein oder wie auch immer. Aber alles, was er machte war, sie zu küssen und zu lächeln. Die Verwirrung in seinem Blick war verschwunden.

Aber was sah er in ihr? Ihr Herz wummerte bei seinem Lächeln und als sie sich in seinen Augen kurz verlor. Sie war doch nur eine einfache Frau und er ein richtiger Daeva. Aber er sah sie an, als ob sie etwas Besonderes wäre. Das schmeichelte sie, aber… wieso? Bei Aion! Wieso? Sie verstand es nicht und sie schämte sich deswegen, weil sie stets dachte, dass er sie mit jemandem verwechseln musste. Sie war beschämt und glücklich zugleich.

Sie hatte Angst – wie so häufig. Doch ihnen blieb keine Zeit, jene Dinge zu bereden, vor denen sie Angst hatte. Jene Dinge, die ihre Gedanken beschäftigten, wie in diesem Moment. Doch sie musste Gewissheit haben – irgendwann. Aber nicht jetzt – nicht jetzt. Sie hatten keine Zeit. Oh, Aion! Nur ein klein wenig Zeit! Welch Ironie, als Daeva zu wenig Zeit zu haben…

“Komm, lass ihn uns suchen – zusammen. Lass uns zusammen zum Heiron-Tor gehen”, Ildan griff mit einem Lächeln nach Kassiopeias Hand. Kassiopeia nickte mit einem Strahlen in den Augen, als beide losrannten in Richtung der Verteron-Zitadelle. Keiner von beiden hatte gemerkt, dass hinter der Tür eine grünhaarige Daeva still gelauscht hatte.

*** *** ***

“Wie meinst du das?”
“Sieh, er hat Flügel – er muss fliegen. Und er funkelt – er muss frei leuchten. Aber in meiner Hand kann er nur eine begrenzte Dunkelheit erhellen. Dort draußen, in der Freiheit der Nacht aber, strahlt er so viel mehr.”
“Aber du hast ihn eben gerade gefangen? Du kannst ihn doch nicht loslassen.”Kassiopeias Mutter schmunzelte und öffnete die Hand. Der Funkler surrte langsam und glücklich empor und flog um die beiden herum: “Doch, das kann ich. Denn in meiner Hand ist nicht seine Welt. Wenn ich meine Hand öffne und er wieder zu mir zurückkommt, dann ist es Schicksal und er bleibt bei mir, solange er will.

Wenn man jemanden liebt, so gehört er zu einem. Nie wieder will man ihn loslassen. Es ist einfach, sich der Angst hinzugeben und ihn einsperren zu wollen, damit man ihn nie wieder verliert. Aber Liebe sperrt nicht ein, sie ist nur da, spendet uns aber Kraft und Mut und Hoffnung. Sie ist Aions größtes Geschenk an uns, denn sie lässt uns erkennen, wer wir alle wirklich sind.Daher öffne deine Hände, Kassiopeia. Lass deinen Vater fliegen und ich bin mir sicher, er kommt wieder zu dir zurück. Du musst nur Vertrauen haben in euch. Das ist das Wichtigste – in der Liebe, wie in der Freundschaft. Dein Vater liebt dich. Egal, wo er ist, er wird immer bei dir sein. Merk dir das bitte.”

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