Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 4

Ildan saß noch am Tisch und brütete über dem Tagebuch Aesons, das sie in Heiron gefunden hatten. Kassiopeia hauchte ihm noch einen Kuss in den Nacken mit den Worten, die man wohl so häufig bei Paaren in solchen Momenten hörte: „Kommst du bald?“

Er hatte genickt. Hatte er es mitbekommen? Oder war er zu vertieft darin, in Aesons Tagebuch zu schreiben. Kassiopeia blieb noch eine Weile hinter ihm stehen und betrachtete ihn. An sich hätte sie noch stundenlang dort stehen können und ihn betrachten und sie spürte bei diesem Anblick ein Brennen in sich, das ihr fast Angst machte – ein sehnsüchtiges Brennen. Kassiopeia strich ihm noch einmal mit der Hand über die Schulter, bevor sie sich dann tatsächlich erschöpft ins Bett legte.

Sie spürte nun die Strapazen des Tages und somit war es für ihre Träume ein leichtes, sie in ihr Reich zu holen.

*** *** ***

„Die Mauer bewegt sich! Sie gibt einen dunklen Gang preis!“

Kassiopeia stand angespannt neben Ildan – er seinen Stab kampfbereit in der Hand und sie Bogen in der Hand, Pfeil auf der Sehne und einen weiteren in ihrem Mund. Doch was ihnen entgegen blickte, war keine Schar des Schwarzen Tores. Es war nur ein Gang – ein dunkler, langer Gang mit einem schwachen Licht am anderen Ende.



Vorsichtig gingen sie voran, als Kassiopeia plötzlich auf einen Stein trat und sich die Mauer hinter ihnen wieder senkte – vor Schreck fiel ihr der Pfeil aus dem Mund. Sie hörten ein leises Krabbeln langsam den Boden füllen. Kassiopeia konnte in der Dunkelheit nur schwer sehen und es schien, als ob Ildan mit seinem Stab irgendetwas wegschob. Dann erstarrte Ildan jedoch und Kassiopeia konnte durch eine dämmrige Lichtquelle von vorne nur die Umrisse erkennen: Auf Ildans Schulter saß eine dicke, große Spinne mit pelzigen Beinen.

„Spinnen… ich hasse Spinnen“, schluckte Kassiopeia, als sie merkte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich. Aber sie musste etwas machen. Ildan traute sich nicht zu bewegen und sie musste ihm doch helfen. Spinne hin oder her! Also richtete sie den Bogen auf die Spinne. „Nicht bewegen… Ildan…“

Doch es war schon zu spät, die Spinne kroch in Ildans Hemd und seine Augen weiteten sich vor Schreck. Noch immer traute er sich nicht, sich zu bewegen, während die Ausbeulung der Spinne unter seinem Hemd langsam seinen Körper hinab wanderte.

Was konnten sie machen? Was bloß? Doch da krabbelte die Spinne schon wieder aus Ildans Hemd und über sein Bein. Das war die richtige Gelegenheit.

„Du… lässt… die… Finger… von… Ildan…“, knurrte Kassiopeia und ließ den Pfeil von ihrem Bogen zischen. Die Spinne wurde aufgespießt wie ein Porgus durch einen Dukaki.

„Komm, schnell weg“, Ildan griff nach Kassiopeia, die immer noch dort in der gleichen Haltung stand.

Sie kamen in einen hell erleuchteten Raum, der wohl für das schummrige Licht in dem Gang eben verantwortlich war. Aber kaum waren sie in dem Raum, schloss sich eine Tür hinter ihnen, aus den Wänden fuhren Spitzen und langsam bewegten die Wände sich auf sie zu.

„Bei Aion!“

Hastig sahen sie sich um, doch konnten außer zwei Greifenkopfstatuen an den Wänden und einem Kronleuchter oben an der viel zu hohen Decke nichts erkennen. Oh? Oder doch! Da stand etwas an einer der Wände: „Nur der Mutige mag den Ausgang erreichen, indem er zum Lichte steigt.“

„Rätsel? Wieso immer Rätsel?“
„Gute Frage, ich bin doch auch so schlecht darin, du kennst mich doch“, Kassiopeia grinste schief zu Ildan und man merkte ihr an, wie sie langsam panischer wurde. „Aber vielleicht…? Hm, Moment! Vielleicht müssen wir an den Kronleuchter dort oben?“
„Steig schnell auf meine Schultern.“

So schnell war Kassiopeia wohl noch niemandem auf die Schultern geklettert und zwar war sie vielleicht nicht die leichteste, aber dennoch gelang es ihr, Ildan das Tragen ein wenig zu erleichtern, da sie dafür immerhin durchtrainiert war.

„Bring mich zu den Greifenköpfen! Vielleicht kann ich daran hoch klettern.“

Immer näher kamen die stachligen Wände, während Kassiopeia sich mit Ildans Hilfe langsam an einem Greifenkopf hoch zog.

„Bin oben!“, rief sie das Offensichtliche hinunter und sah sich den Kronleuchter an. Hm, das war aber schon ganz schön weit weg. Naja, der Mutige eben… Kassiopeia seufzte, rieb sich einmal kurz die Hände, dann los. „Eins… zwei… drei…“

Mit Anlauf sprang sie in Richtung des Kronleuchters, doch sie weitete die Augen, als sie bereits beim Absprung merkte: Das wird so nichts. Nein, sie würde den Kronleuchter nicht erreichen. Doch unbemerkt für sie, war sie wohl an einen Schalter auf dem Ende des Greifenkopfs getreten, so dass sich unten ein Durchgang öffnete.

Ildan stand mit sichtlichem Unbehagen unten und als Kassiopeia drohte herunter zu fallen, ohne den Kronleuchter zu erreichen, schrak er zusammen: „Ich fang dich auf.“ Und so landete Kassiopeia zwar weich, aber riss Ildan somit mit zu Boden. Nun war es an ihr, Ildans Hand zu greifen, ihn hoch zu zerren in Richtung Ausgang.

Nur noch einen Meter trennte die Stacheln von den Beiden, als sie um ihr Leben auf den Durchgang zurannten. Kurz bevor sie am Ende angekommen waren, fiel Ildans Stab, doch Kassiopeia zerrte ihn weiter aus dem Raum hinaus in den Gang.

Kassiopeia drehte sich unruhig im Schlaf und runzelte dabei die Stirn. Das… war so nicht passiert, oder?

„Mein Stab!“, rief Ildan und griff noch einmal nach hinten. Das würde nie langen! Nie im Leben! Doch Ildan zog gerade noch rechtzeitig den Stab aus dem Raum, ehe die Stacheln sich gegenseitig unter einem lauten Knirchen und einem abschließenden Klonk begrüßten.

Kassiopeia stand erschöpft an der Wand und lehnte ihren Kopf an die kalte Mauer: „Das war… knapp.“
„Aye.“
„Aber ich finde, wir haben uns doch ganz gut zusammen gemacht, oder?“

Ildan schaute sie kurz nachdenklich an und nickte. Wieso… wieso schaute er so komisch? Wieso lächelte er nicht? Er griff nur nach ihrer Hand und sie gingen weiter.

Abermals drehte sich Kassiopeia unruhig im Traum herum. Wieso fühlte sich der Traum so merkwürdig an?

Sie gelangten in einen Raum – er schien nicht sonderlich groß und eher wie eine Zelle. Gitter waren vor einem Fenster zu sehen, ein Doppelbett stand in der Mitte, ein Stuhl, ein Tisch – und auf diesem Tisch lag ein Buch. Rasch ging Ildan zu dem Tagebuch und murmelte: „Oh nein!“

Seine Augen weiteten sich, als er Seite für Seite umblätterte. Kassiopeia trat neben ihn, um ihm über die Schulter zu sehen und die Worte kurz zu überfliegen. Sie schluckte schwer: Es war Aesons Tagebuch, das er einfach hier hatte liegen lassen. Sie hatte nicht viel lesen können, nicht alles. Aber als sie bei der letzten Seite angekommen waren, stockte ihr Atem als sie die Worte las: „”…. Ich werde euch das nehmen, was ihr am meisten liebt…” Das konnte nicht Aeson sein! Das war nicht Aeson! So hatte sie ihn nicht kennen gelernt!

Kassiopeia betrachtete Ildan besorgt von der Seite, denn sie wusste, dass Ildan Aeson vertraute – ihn schätzte. Und so sah sie auch, wie es im Kopf ihres Geliebten arbeitete und sie meinte auch, dass trotz seiner dunklen Haut er ein wenig blasser geworden war: „Sie haben ihn verändert.“

Ildan wankte zurück, während seine Gedanken noch an den Zeilen aus Aesons Tagebuch hingen. Kassiopeia setzte sich zu ihm und legte eine Hand auf seine Schulter: „Sie können ihn nicht verändern. Er ist ein guter Daeva. Das können sie ihm nicht nehmen.“ Ildan stand auf und ging zum Tisch. Dort lagen noch Buch und eine Feder, die er sofort nahm und etwas hineinschrieb:

Eintrag Aesons Tagebuch:
01.10.108
Haben dein Tagebuch gefunden, wir lassen dich nicht allein… Alter Torfkopf
Ildan

Man merkte deutlich, wie Ildans Gedanken noch bei den Zeilen hingen und Kassiopeia schluckte schwer, als Ildan sie ansah. Was war da in seinem Blick? Wieso sah er sie so merkwürdig an? Sie verstand nicht so recht. Kassiopeia bemühte sich um ein Lächeln: „Das ist eine gute Idee. Führen wir sein Tagebuch weiter. Er kann es nun nicht weiter schreiben, aber wir können es für ihn machen. Bis der alte Aeson es wieder in den Händen halten kann und selbst fortsetzen kann.“

Doch, so war es zumindest passiert. Kassiopeias Schlaf beruhigte sich wieder ein wenig.

„Ich werde euch das nehmen, was ihr am meisten liebt…“, wie konnte er das meinen? Kassiopeia runzelte die Stirn, als sie plötzlich hinter sich eine Stimme hörte, die ihr vertraut vorkam.
„Oh, ich kann das Tagebuch auch direkt selbst weiter schreiben.“
Ildan schaute überrascht auf und blickte hinter Kassiopeia in den Raum: „Aeson!“

Das war aber nicht passiert! Da wa sich Kassiopeia sicher! Sie drehte sich unruhig im Bett um. Oder doch? Hatten sie wirklich Aeson gefunden? Ein Lächeln zeigte sich auf Kassiopeias Gesicht, während sie weiter träumte.

Ebenso lächelte sie auch glücklich in ihrem Traum. Sie waren doch nicht zu spät gekommen – sie hatten Aeson gefunden. Ildan stand auf, umarmte Aeson in typischer Männermanier und klopfte ihm auf den Rücken: „Torfkopf! Das ist gut, dass wir dich gefunden habe.“ Kassiopeia stand von dem Bett auf und blickte zufrieden zu den beiden Freunden.

„Ja, ich war nur kurz unterwegs, Ildan. Schau mal, wen ich mitgebracht habe.“
Und dann sah Kassiopeia hinter Aeson eine Gestalt – eine Frau. Sie schluckte schwer. Nein… nein!
Ildans stutzte, als er an Aeson vorbei blickte: „Alessya?“
Kassiopeias Gesicht wurde kalkweiß.

Nein! Nein! Das war falsch! Nein!

Aeson nickte und grinste breit: „Ja, rate mal, warum ich unterwegs war. Ich habe sie gesucht, mit ihr geredet und sie hat alles eingesehen. Nun musst du dich nicht mehr mit diesem Bauerntrampel abgeben.“

Ildan lachte erleichtert auf: „Du bist wirklich ein guter Freund, Aeson. Ich dachte schon, ich halte das nicht mehr aus.“ Ildan verstellte seine Stimme, wie um Kassiopeia nachzunahmen: „Ich habe Angst hiervor… ooooh, ich habe Angst davor… oooh, ich habe meine Flügel nicht verdient… ooooh, wenn uns Leute sehen?… oooh, mein Vater hat mich verlassen… oooh, ich bekomme keinen Satz ohne stottern aus mir raus!… ooooh, ich habe Angst vor körperlicher Nähe…“ Ildan räusperte sich, um wieder normal zu sprechen. „Und weißt du, was am schlimmsten ist, Aeson? Nicht nur der rote Besen, aber diese ekligen Sommersprossen? Ich meine, hallo? Als Daeva! Da sollte man schon makellos sein!“

Nein! Neeeeein!

Aeson nickte mit mitleidigem Blick. Während Ildan noch nicht einmal zurückblickte zu Kassiopeia, schaute Aeson zu ihr, zwinkerte ihr mit einem breiten, dreckigen Grinsen zu und er formte mit seinen Lippen Worte, die Kassiopeia auch verstand, ohne sie zu hören: „Es wird schlimmer sein, als ihn umzubringen.“

„Das hat mich echt krank gemacht. Keine Ahnung, wie lange ich das noch durchgehalten hätte“, Ildan lachte erleichtert auf. „Wie konnte ich mich nur mit so einer abgeben? Ich muss schon ganz schön verzweifelt gewesen sein.“

„Ich… nehme euch… was ihr… am meisten… liebt…“, Kassiopeia drehte sich immer unruhiger in ihrem Schlaf um.

Immer entsetzter blickte Kassiopeia zu den dreien vor sich und ihre Unterlippe zitterte. Sie konnte nicht mehr genau sehen, als Tränen ihr das Blickfeld verschwimmen ließen und das war auch besser so, denn so musste sie nur erahnen, wie Ildan die Frau in den Arm nahm und küsste. Aber selbst dieses verschwommene Bild zerriss ihr das Herz. Sie sackte zusammen auf dem Boden, vergrub ihren Kopf zwischen den Knien. Nein! Sie konnte es nicht mehr sehen! Sie wollte es nicht mehr sehen! Das tat so weh!

„Aber… aber… wie kannst du? Ildan? Ich… ich… ich liebe dich… doch… Ildan… Ich liebe dich doch! Und ich dachte, du… auch… mich…“

*** *** ***

In dem kleinen Bauernhaus in Tolbas war es ansonsten still. Kassiopeia lag neben Ildan, während dieser noch in seinem eigenen Albtraum gefangen war. Ihr rotes Haar war nur leicht gestutzt durch den Überfall des Schwarzen Tores wenige Tage zuvor, vielleicht eine Hand lang. Ihre Haut war blass, ihr Gesicht wirkte verzweifelt. Die Augenlider zuckten, während sie gegen ihren eigenen Albtraum ankämpfen musste. Vielleicht hatte Ildan deswegen Bilder von ihr im Kopf, wie sie blutübertrömt und blass und leblos im Bett lag – ermordet mit einem Äthermesser mitten in ihr Herz, das in diesem Moment tatsächlich ebenso schmerzte.

Bei genauem Hinsehen konnte man erkennen, dass langsam Tränen ihre Wangen herab rannen, während sie im Schlaf mit zittriger und weinender Stimme flüsterte, was sie sich bisher noch nie mit vollem Bewusstsein zu trauen sagte. Nur unter wenigen Gelegenheiten hatte sie es bisher sagen können und dieses Mal war auch nicht anders.

Der gellende Schrei Ildans ließ auch Kassiopeia aufschrecken. Selbst noch ganz orientierungslos blickte sie sich um, spürte die Tränenspuren auf ihren Wangen und die Erinnerung der Worte auf ihren Lippen. Da war es wieder, jenes Brennen, als sie ihn hörte, als sie ihn sah und diesen Schmerz in seinem Blick. Sie spürte dieses Verlangen, ihn zu berühren, seinen Schmerz, seinen Schrei zu lindern. Sein panischer Blick – sie wollte ihn wegnehmen.

Kassiopeia legte ihre Hand an Ildans Wange, wie wenn sie puren Äther anfassen wollte – vorsichtig und ehrfürchtig. Ildan war so viel für sie geworden. Wenige Daeva waren so, wie sie sich als Kind Daevas immer vorstellte: stolz, loyal und strahlend. Und doch war nun ein genau solcher Daeva vor ihr, bei ihr und bedeutete ihr so viel.

Ob es an ihrem Albtraum lag, dass ihre Hand noch eiskalt war, das war schwer zu sagen, als sie über Ildans Wange strich. Nein, sie konnte nicht mehr – sie konnte es nicht mehr ungesagt lassen. Sie konnte nicht mehr einfach nur dasitzen, nicht nachdem sie ihn eben noch verloren glaubte und er nun doch da war. Er sollte es wissen! Endlich!

„Ich liebe dich, Ildan – so sehr, dass es mir Angst macht”, sie schloss ihre Augen und küsste ihn. Noch einmal wollte sie nicht den Fehler machen, vor dem Eilinora sie gewarnt hatte: Vergeudet keine kostbare Zeit. Sie vergaß, dass sie nicht allein im Haus waren, nur allein in diesem Raum. Sie vergaß Renkasch und Eilinora im Nebenzimmer. Sie vergaß ihre Angst, als sie ihn küsste. „Er kann uns uns nicht wegnehmen. Niemand wird das können.“

Und so küsste sie Ildan den Albtraum mit Küssen aus dem Gesicht und seufzte als sie sich an ihn schmiegte, während ihr weiter die Tränen das Gesicht herab rannen: “Ich… ich will aber keine Angst mehr vor dir haben. Ich liebe dich.“ Kassiopeia küsste Ildan; nicht so zögerlich wie sonst, sondern leidenschaftlich, ihrem Gefühl nachgebend. Ein sanftes Ätherleuchten fiel von draußen in das Zimmer des einfachen Bauernhauses, als sie ihn zu sich zog…

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