Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 5

Es war die nächste Nacht – danach. Kassiopeia war mitten in der Nacht wach geworden. Die Ereignisse des letzten Tages kamen ihr direkt in Erinnerung. Sie erinnerte sich, wie sie aufgewacht war nach jener Nacht – nachdem sie endlich ihre Angst überwunden hatte. Sie erinnerte sich, wie sie die Augen aufgeschlagen hatte und er sie in seinen Armen hielt. Sie hatte sich so sicher gefühlt, so geborgen – so wie jetzt. Und es machte ihr ein schlechtes Gewissen, denn sie war glücklich – so glücklich. Dabei gab es doch so viel Leid noch. Was maßte sie sich an, glücklich zu sein?

Das arme Fräulein Iduna, dessen Kind vom Schwarzen Tor entführt worden war, als Kassiopeia da war und sie nichts dagegen machen konnte. Aber ebenso auch das Fräulein Failin. Wie froh war Kassiopeia, als sie den Botenjungen in Verteron gehört hatte, dass eine Daeva gesichtet worden war, die wohl wie Fräulein Failin aussah. Sofort hatten sie sich von der Taverne aufgemacht, um nach ihr zu suchen und sie hatten sie in Heiron finden können. Doch sie sah aus, als ob sie allein gegen hunderte gekämpft hätte und ihr Blick wirkte, als ob sie verloren hätte.

Aber es war ein Blick, der wohl in erster Linie sich Sorgen um Aeson machte – und sich selbst Vorwürfe, dass sie ihn nicht retten konnte. Kassiopeia tat Failin unendlich leid und sie hätte sie am liebsten in den Arm genommen, doch da waren sogar gleich zwei Sachen, die es verhinderten: Kassiopeias Probleme, jemanden in den Arm zu nehmen und sicherlich auch Failins raubeinige Art. Wahrscheinlich hätte Failin ihr in den Bauch geboxt, wenn sie sich doch hätte überwinden können und es probiert hätte. Kassiopeia grinste schief.


“Wir müssen dem Fräulein Failin helfen. Niemand sollte von dem getrennt sein, den er liebt. Und sie soll auch nicht allein sein müssen.”

Kassiopeia wusste, wie dankbar sie gewesen war, als ihr so viele zur Seite gestanden hatten auf ihrer Suche nach Ildan. Nun wollte sie eine ebensolche Stütze für Failin sein, die die junge Daeva dank ihres Schlappmauls und die Ehrlichkeit daraus ziemlich ins Herz geschlossen hatte.

Umso schuldiger fühlte sie sich, als sie zur Seite blickte und beim Anblick des dunklen Körpers neben sich lächeln musste. Angst hatte sie keine mehr vor Ildan, auch wenn sie es immer noch nicht glauben konnte, als sie ihn im silbernen Mondlicht dort liegen sah. Es schien fast, als ob der Mondschein seinen Körper noch dunkler machte, mysteriöser, wie die Wüste in einem Sandsturm. Aber das silbrig-blaue Haar schimmerte, als ob es von innen heraus leuchtete wie pures Silber in so starkem Kontrast zum restlichen Körper. Kassiopeia stützte ihren Kopf ab, während sie ihn von der Seite betrachtete und sanft durch sein Haar fuhr. Wer hätte das gedacht?

Dabei war Ildan tatsächlich einer der ersten anderen Daeva gewesen, die sie in Sanctum getroffen hatte. Sie war eine Zeit verschüchtert durch das große Sanctum staunend gegangen. Hatte viele Daeva gesehen, die wichtigen Gesprächen nachzuhängen schienen und daher hatte sie sich nicht getraut, sie anzusprechen. Wie konnte sie auch? Sie war gerade erst aufgestiegen und alle sahen so ungeheuer beschäftigt aus. Doch dann hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und sich zu ein paar Daeva gesellt, die auf der Bank am Elyos-Platz saßen – fast der gleiche Platz, an dem er ihr ein paar Monate später das Geständnis machen sollte. Sie hatte sich ihm vorgestellt und den anderen Daevas, die dort waren.

Aber scheinbar hatte er sie schon vergessen, denn als sie ihn wenige Wochen später in der Taverne zu Verteron sah, erkannte er sie nicht mehr wieder. Wie auch? Sie war eine einfache Jung-Daeva, mehr nicht – das sagte sie sich zumindest damals. Sie hatte kurzzeitig überlegt, ihn darauf anzusprechen, aber zu beschäftigt war er in der Gerupften Krähe und sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Was hatte sie sich überhaupt davon erhofft, ihn darauf anzusprechen? Also stellte sie sich ganz normal vor, als ob sie sich noch nicht getroffen hätten und genoss seine Nähe in der Taverne. Doch ständig, wenn sie ihn sah, war sie kurz davor, ihn darauf anzusprechen, dass sie sich doch schon einmal getroffen hätten. Aber mit jedem Mal, dass sie sich nicht traute, es zu sagen, traute sie es sich beim nächsten Mal noch weniger. War damals etwas passiert, was sie erst so viel später hätte bemerken sollen? Nachdenklich spielte Kassiopeia mit einer von Ildans silbrig-blauen Haarsträhnen in der Dunkelheit des Zimmers, nur schwach erleuchtet vom Mondlicht.

Sie erinnerte sich noch gut an ihr Treffen am Teminon-Platz und wie sie sich freute, ein bekanntes Gesicht zu sehen, als ihre Nervosität größer wurde, als es zur Schwefelbaum-Festung ging, um sie den dreckigen Asmodiern zu entreißen. Ildan war ebenso da, ebenso in den Reihen derer, die sich zur Schwefelbaum-Festung aufmachen wollten. Und dann kam Eilinora und betrachtete beide. Kassiopeia wusste noch, wie sie unter dem Blick ihrer Freundin vor Scham im Boden versunken wäre, denn in ihrem Blick war etwas Prüfendes, wenn auch stets dieses selige Lächeln auf Eilinoras Lippen lag.

„Passt gut auf meine Kassi auf, ja?“, hatte sie damals zu Ildan gesagt.
„Das werde ich bei den Tränen Siels“, hatte Ildan geantwortet und es war damals bereits schon so, wie es nun war. Nur mit dem Unterschied, dass keiner von beiden damals wusste, wohin sie ihr Weg führen würde. Hatte es die weise Eilinora damals bereits geahnt? Oder gar gewusst? Ihr Blick funkelte zumindest damals bereits, als sie sich wieder auf ihren Weg machte.

Kassiopeia erinnnerte sich, wie Lente in Schwierigkeiten war und Eilinora und Kassiopeia die flüchtende Lente immer wieder bei Agairon mit Nahrung versorgten. Und dann schmiedeten sie Pläne, was sie machen könnten, um Lente zu helfen. Lente war in Schwierigkeiten gekommen auf Grund eines Unfalls in Ildans Taverne, als ein vermeintlicher Lepharist in Lentes vergifteten Dolch gestürzt war. Sofort hatte Kassiopeia angeboten, mit Ildan zu reden, ob er vielleicht etwas wüsste. Aber war es damals nicht bereits schon nur eine Ausrede, um mit Ildan reden zu können? Hatte sie die Sorge um Lente nur vorgeschoben? Nicht, dass die Sorge nicht echt gewesen wäre, denn Kassiopeias Sorge um Lente war wirklich da. Aber dennoch freute sie sich, als sie den Brief an Ildan schreiben konnte und ihn dann dort traf – am Elyos-Platz… einmal wieder.

Sie hatten über Lente geredet – ja. Nicht sonderlich lang. Lang genug, dass alles geklärt war, aber noch bevor Kassiopeia ging, beichtete ihr Ildan etwas. Noch bevor Ildan es ausgesprochen hatte, versteifte sich Kassiopeia. Zwar war sie selbst überrascht, aber unterbewusst hatte sie es bereits geahnt.

“Ihr habt mich schwach gemacht, Kassiopeia. Wenn Alessya nicht zurück gekehrt wäre..”, hatte er ihr gesagt.

Schwach gemacht? Sie? Ihn? Diesen ehrbaren Daeva? Nein, das wollte sie nicht. Hatte sie nicht beabsichtigt! Sie wusste ja nichts von seiner Geliebten! Bei Aion! Sie… schätzte ihn viel zu sehr, als dass sie ihn in Schwierigkeiten bringen wollte.

“Sie.. ist aber zurück…”, hatte Kassiopeia zögerlich gesagt.
“Ja darüber bin ich sehr glücklich.” Und Alessya bestimmt auch. Freu dich für die beiden, Kassiopeia, los!

“Das ist schön.. ich.. freue mich für euch“, Kassiopeia hatte sich ehrlich für Ildan gefreut. Sie wich aber seinem Blick aus – vielleicht aus Angst, dass dort doch etwas wie Enttäuschung hätte gefunden werden können? Nein, damals dachte sie noch, es wäre alles in Ordnung. Sie dachte, es wäre nur die Verlegenheit gewesen, die sein Geständnis in ihr hervorgerufen hatte.

“Kassiopeia, bitte, ich will euch das nur sagen, das ihr nicht mehr glaubt ihr seid unbedeutend. Ihr seid jemand. Eine wunderschöne Daeva.”
“Ich… danke euch.”

Sie war so dankbar für seine Worte, denn sie hatten ihr wirklich Kraft gegeben – wenn auch sichtlich verlegen gemacht. Wie konnte so jemand wie Ildan so etwas zu ihr sagen? Sie war bisher mit eher einfachen Daevas verkehrt, häufig sogar Herumtreibern, denn das war eben die Gesellschaft, bei der sie sich nicht ganz so einfach vorkam. Bei all den großen Daeva, die sicherlich nach Sanctum gehörten, fühlte sie sich immer, als ob sie selbst eben nicht dazu gehörte. Ildan war einer der wenigen, die sie so fest zum Sanctum zählte, bei dem sie sich aber nicht wie ein nichtsnutziges Gör vorkam.

Bei jedem weiteren Treffen allerdings bemühte sie sich. Worum? Sie wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Sie wollte ihn nicht schwach machen. Aber wie sollte es ihr gelingen? Sie suchte gerne das Gespräch mit ihm. Sollte sie es wirklich abbrechen müssen? Für ihn? Nein, das gelang ihr nicht. Und sie belog sich in der Hoffnung, dass sie schon nichts machen würde, was Ildan schwach machen könnte. Sie war doch nur sie und sie trug noch nicht einmal etwas Aufreizendes oder versuchte, ihn zu umgarnen. Wieso sollte irgendetwas, das sie machte, diesen Daeva schwach machen? Ihn von seiner Treue zu seiner Geliebten abbringen? Ach, sie wusste die ganzen Ausmaße damals noch nicht und es war eine ehrliche Naivität, die all ihre Handlungen begleitete. Sie konnte es sich auch bis heute nicht erklären, was sie nun genau machte, wieso ausgerechnet er nun dort lag und wieso sie anscheinend doch genau das gemacht hatte, was sie eigentlich so ganz bewusst nicht vor hatte. Sie wollte ihn doch gar nicht umgarnen! Nein, falsch – sie hätte es sicherlich gewollt, aber sie bemühte sich dennoch, es nicht zu machen.

Welch Ironie, dass Renkasch kam und von Ildans Tod berichtete, einen Tag später nachdem sie mit Eilinora über Ildan gesprochen hatten. Eilinora hatte Kassiopeia sogar fast in die Ecke gedrängt, was sie für Ildan empfand, auch wenn Kassiopeia wie ein scheuer Warg aus der Wüste Eltnens immer wieder entwischen konnte. Doch dann erzählte Renkasch, wie Aeson Ildan erstochen und vom Sanctum geworfen hatte. Alles zerbrach in Kassiopeia – alle Hoffnung. Wenn Eilinora sie nicht gestützt hätte, sie wäre vor Schock umgefallen. Ildan? Gestorben? Das hatte sie nicht glauben können – nicht glauben wollen! Und dennnoch sah sie es bildlich vor sich, wie sich ein Schwert durch den dunklen Körper rammte, er nach hinten taumelte, verzweifelt die Flügel aufspannte, doch kein Flügelschlag konnte ihn mehr halten – sie klappten ein und er fiel leblos Sanctum herab.

Da gab es kein Halten mehr für sie. Sie dachte nicht nach. Sie wusste nicht warum. Damals dachte sie noch, es wäre weil sie ihn schätzte, weil er einer der guten Daevas war, die sie kennenlernen durfte. Wie gut sie sich selbst doch belügen konnte. All die Schürfwunden an den Händen, als sie am Sanctum entlang geklettert war, die unzähligen Male, wie sie fast vom unbarmherzigen Wind in die Tiefe gezogen worden wäre, hätte sie dies wirklich nur für jemanden gemacht, den sie nur schätzte? Ach, Kassiopeia. Man kann sich wirklich manchmal ganz famos selbst belügen.

Die folgenden Wochen war sie durch die Hölle gegangen, um Ildan aus den Klauen einer unbarmherzigen Daeva zu befreien. Wie häufig hatte sie gedacht, dass sie es nicht schaffen würde? Dass sie scheitern würde? Doch das konnte sie nicht… durfte sie nicht – für ihn. Es war ihr gelungen und auf diesem Weg hatte sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihn gefunden. Ildan hatte ihr so viel gegeben, so viel Halt, selbst als sie es noch nicht wusste. Stets war er da – irgendwo in ihrer Nähe.

Ihre Wege hatten sich so häufig gekreuzt, doch so lange Zeit waren sie nie stehen geblieben, um zu erkennen, dass genau diese Wege ständig parallel liefen. Wie viel einfacher hätte es sein können, den Weg schon früher zusammen zu gehen, der sowieso in die gleiche Richtung ging? Doch nun war alles gut und sie lag neben ihm. Sie hatte es gesagt und sie hatte sich ihm anvertraut – in allem. Sie hatte Angst gehabt, aber sie hatte sie überwunden – für ihn.

Kassiopeia schmiegte sich mit einem Lächeln an ihn und seufzte zufrieden. Sie hatte ihr Glück gefunden. Es war kein reines Glück, denn zu viele Schatten wollten dieses Licht verdecken. Aber es war so viel Glück, wie sie sich kaum zu erhoffen gewagt hatte noch vor einigen Monaten, als sie ausgezogen war, um in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Sie hatte darauf gehofft, sie hatte darum geweint, sie hatte gekämpft, sie hatte verloren, sie hatte gewonnen und nun hatte sie es. Vielleicht war es nicht schlimm, wenn sie glücklich war? Vielleicht war es gut? Sie durfte nur nicht vergessen, dass es keine Selbstverständlichkeit war. Sie durfte sich gerade jetzt nicht darauf ausruhen und sich zurückziehen und sich gegenüber Anderen verschließen. Jetzt – noch viel mehr als sonst! – war es ihre Pflicht, Anderen zu helfen, dass sie auch dieses Glück erfahren durften.

„Ich werde euch helfen, Fräulein Failin, euren Aeson wieder zu finden. Wir werden euch helfen. Ich will, dass ihr auch endlich wieder so glücklich sein dürft, wie ich es gerade bin.“

Aber war Enyzia wirklich zurückgekehrt? Das konnte sie nicht glauben. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen, wie die rothaarige Daeva ins Erdreich gezogen wurde. Es war unmöglich, dass sie wieder frei war. Das musste ein Trick des Schwarzen Tores sein. Doch wenn es kein Trick war, so würde sie Ildan nie wieder in die Finger dieser Daeva lassen und ebenso würde sie Aeson nicht das durchleiden lassen, was Ildan durchleiden müsste. Wenn Enyzia noch lebte, dann sollte sie ihre endgültige Strafe bekommen – für immer… doch was war „für immer“, wenn es um Daevas ging?

Als sie ihren Kopf auf Ildans Brust legte und die Augen wieder schloss, hatte sie das Gefühl, dass es nichts gab, das sie nicht zusammen durchstehen konnten – egal, wie schlimm es werden würde. Und dass es schlimmer werden würde, das war fast so sicher, wie das Kwiii eine Kerubs…

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