Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 6

Es war eine lange Wache – lang und ziemlich ereignislos. Kassiopeia und Ildan saßen vor Nikobaras Haus und warteten. Worauf? Wenig Zeit zuvor hatten sie gerade noch mitbekommen, wie zwei Männer bei Nikobara waren und sie mit einem Äthermesser tödlich verletzt hatten. Die Übeltäter konnten sie nicht mehr dingfest machen, auch wenn Kassiopeia hätte schwören können, dass sie von hinten die Masken des Schwarzen Tores erkannt hatte – aber es war eben von hinten und daher war sie sich nicht sicher.

Gerade so gelang es ihnen, Nikobara vor dem Tod zu retten, bevor ihre Seele aus der Ätherwunde geflossen und für immer im Ätherstrom verschwunden. Wie ihnen das gelungen war? Unter Nikobaras Anleitung und das war fast noch schlimmer als die komischen Tränke und ähnliches, was man für sie normalerweise ausprobieren musste. Denn irgendwas unter irgendeiner Anleitung Nikobaras zusammen mischen? Da könnte man genauso gut mit der bloßen Hand in einen Klawbau nach Klaw-Eiern greifen – das wäre in etwa genauso dämlich und gefährlich.


Überraschenderweise wurde niemand verletzt. Das Ende vom Lied war: Ildan war über und über mit violettem Pulver übersät, das Kassiopeia über ihn gekippt hatte, um ihn wieder sichtbar zu machen, da das Brauen des… Zeugs… natürlich Nebenwirkungen hatte und zwar, dass Ildan verschwand. Kassiopeia war am Ende des Abends ebenso von dem Pulver überzogen, denn wie die Tage und Wochen zuvor konnten sie natürlich dennoch nicht voneinander lassen. Oh, und Prinzessin war samt ihrer Verfolgerin verschwunden. Wie konnte man eigentlich eine Roggenspinne “Prinzessin” nennen? Kassiopeia schaute hinter sich in das Haus und zuckte zusammen, als es eine spürbare Explosion dort gab: “Die Verrückte wird irgendwann noch einmal ganz Tolbas in die Luft sprengen.” Und Ildan hatte Nikobara “liebenswert verrückt” genannt? Oder so ähnlich?

Sie warf einen kurz zweifelnden Blick zu Ildan, der jedoch schnell wieder aufklarte, als sie ihn betrachtete. Stumm hatten sie bisher dagesessen, auch wenn sie gehofft hatte, dass sie in der Zeit ihrer Wache wenigstens einmal dazu kommen würden, zu reden. Nicht umsonst hatte sie eingewilligt, dass sie ihre beiden Wachschichten auch beide zusammen verrichten. Aber schnell war ihr klar geworden, dass es nicht gut war, wenn sie sich unterhalten würden. Sie mussten Wache halten und sie wusste, was für eine ablenkende Wirkung sie auf Ildan hatte – und er auf sie. Manches Mal sind die kleinen Entbehrungen die schwierigsten und vermutlich würde ihnen das kaum jemand anrechnen, dass sie tatsächlich nicht die Gelegenheit nutzten, um sich zu unterhalten oder wenigstens dicht beieinander zu sitzen. Nein, das würde nur ablenken – so schwierig es Kassiopeia auch fiel, nicht näher an Ildan zu rücken.

Wenigstens hatten sie sich noch wenig zuvor unterhalten können, als Ildan sich das Pulver ausgewaschen hatte. Sie war überrascht, als Ildan ihr von seinem Aufstieg erzählte. Sie dachte immer, sie wäre die Einzige gewesen, die vollkommen ohne Glanz und Glorie aufgestiegen wäre – einfach eines Morgens im Bett, als sie aufgewacht war. Kein Wunder, dass sie sich immer als minderwertige Daeva fühlte: einfache Herkunft vom Land und dann noch nicht einmal ein großartiger Aufstieg. Aber bei Ildan war es also nicht viel anders? Auch wenn seine Familie wohl… nicht ganz so einfach war, wenn sie ihm jeden Wunsch erfüllen konnten und er sogar die Priesterprüfungen ablegen konnte. Aber er? Und durchfallen? Jener Mann, dessen Leuchten in den Augen, wenn er von Siel und den Seraphen sprach, hunderte Elyos-Hände emporrecken ließen wie am Festtag? Das konnte sie nicht glauben.

Ganz ruhig war ihre Wache jedoch nicht: Ein Besucher kam tatsächlich zu Nikobara noch spät in der Nacht. Natürlich überprüften Ildan und Kassiopeia ihn, durchsuchten ihn nach Waffen und hatten ein wachsames Auge auf ihn, als er zu Nikobara hinein ging. Ein paar Explosionen und Dampfschwaden später kam der Besucher auch wieder hinaus gerannt und hatte einen merkwürdigen Blick auf dem Gesicht. Er blickte sich gehetzt um, plusterte sich auf und schrie dann ganz laut: “Kwiii!” und rannte weiter, ehe Kassiopeia und Ildan etwas machen konnten – zumindest nichts anderes als ihm irritiert hinterher zu starren.

Ein kurzes Grinsen schenkte sie Ildan nach dem ersten Schock des “Kwiii!”s. Gerne hätte sie etwas gesagt, hätte sie sich unterhalten. Denn auch wenn ihnen die kurze Zeit am Fluss vergönnt war, so schien es ihr nicht ansatzweise genug zu sein. Sie hatte immer noch Fragen – so viele Fragen, von denen sie sich die Hälfte noch nicht einmal zu stellen traute und von der restlichen Hälfte… nein, da traute sie sich auch die Hälfte nicht. Nicht weil sie Angst vor der Antwort hatte, sondern weil sie ihn nicht mit Fragen löchern wollte. Nichts wollte sie machen, dass sie diesen Daeva verschrecken würde. Sie kam sich an seiner Seite wie in einem Märchen vor, wie in Schneeschwinge und der verzauberte Shugo oder Blaufeder im Dukaki-Käfig.

Sie lächelte, als sie sah, dass er zu ihr blickte. Wich kurz ein wenig beschämt mit dem Blick aus, ehe sie sich dann doch wieder an seinen dunklen Augen förmlich festsaugte, von denen sie nicht genug bekommen konnte und was genau der Grund war, warum sie immer verlegen wegblickte. So viel hatten sie sich noch zu erzählen, so vieles war noch ungesagt und dennoch sagten Blicke manchmal mehr als tausend Worte, das Lächeln auf den Lippen mehr als tausend Bilder und die Gesten mehr als tausend Bücher. So verrichteten sie verhältnismäßig still ihre Wache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.