Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 9

Kassiopeia saß auf diesem kleinen Hügel in Tolbas, auf dem sie noch wenige Wochen zuvor gesessen hatte, als es zur vermeintlich letzten Schlacht gegen Enyzia ging. Was nicht alles seitdem passiert war. Aeson war verschwunden, hatte anscheinend einen Schwur dem Schwarzen Tor geleistet.

Mit Hilfe der verschiedenfarbigen Steine sind sie auf die Spur Aesons gekommen – auch wenn Kassiopeia immer noch nicht das ganze Drumherum verstand. Und was hatte es mit dieser Erscheinung auf sich? Jene, die sie für Aesons Mutter hielten? Das wollte Kassiopeia einfach nicht in den Kopf, was das mit all dem zu tun hatte.

Schließlich fanden sie Aeson – in Sanctum an der Kugel Atreias. Mit Idunas Kind stand er dort und bedrohte es, verhöhnte sie schon fast. Zuerst hatte Kassiopeia gedacht, dass es wieder eine Erscheinung gewesen wäre, wie an all den anderen Stellen zuvor. Ihr gefror das Blut in den Adern, als Ildan ihr leise flüsterte, dass er nicht denkt, dass das eine Erscheinung, sondern tatsächlich Aeson war. Und Aeson hielt das kleine Kind über den tiefen Abgrund unterhalb Sanctums neben der Brücke.

Wie so häufig die letzten Tage verstand Kassiopeia jedoch nicht so ganz, was genau um sie herum ablief. Ildan und Failin hatten an der Atreia-Kugel eine Einkerbung entdeckt und dort irgendetwas mit Failins schwarzem Stein gemacht, unterdessen war hinter ihr bei Aeson und dem Kind ein kurzes Handgemenge ausgebrochen, bei dem Aeson scheinbar nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst kämpfte und nur mühsam hervorbrachte: “Schlagt mich… bewusstlos… ich kann nicht mehr… lange…”

Von der Kugel ging ein Strahl zu Aeson und aus diesem stieg… ja, Kassiopeia wusste nicht so recht, was das war. Es war schwarz? Dunkel? Und im gleichen Moment spürte sie wieder jenen Schauder, der ihr auch damals in Eltnen über den Rücken gelaufen war, als Aeson sie auf der Suche nach Ildan begleitet hatte – Balaur-Magie!

Es war ein düsteres Etwas, das über dem bewusstlosen Aeson schwebte und sich dann auf einen des Tirith-Ordens stürzen wollte. Dann geschah alles wieder viel zu schnell, es war viel Gekreische, viel Lärm, viele Worte, die erhoben wurden, so dass Kassiopeia nur mitbekam, wie mit einem Mal das schwarze Etwas

Doch was war mit dem Schwarzen Tor? Und mit Enyzia? Lebte sie wirklich? Bisher hatte Kassiopeia noch kein Anzeichen dafür gesehen und wollte es auch immer noch nicht wahr haben. Würde das Schwarze Tor Aeson wirklich so einfach aus seinen Fängen lassen? Auch das konnte sie sich kaum vorstellen. Doch sie hatte gestern die Wiedersehensfreude bei Aeson und Failin nicht trüben wollen. Warum hatte Ildan Kassiopeia wirklich das gefragt? Was war mit seiner…?

“Komm, lass mich deinen Sonnenbrand behandeln”, erklang Ildans Stimme hinter ihr, als er Kassiopeia vorsichtig eine Hand auf die Schulter legte. Kassiopeia blickte auf und lächelte zu Ildan, aus ihren düsteren Gedanken gerissen. Wie gelang es ihm nur immer wieder, dass allein, wenn er sie ansah, ihre Sorgen so viel leichter zu werden schienen? Viel hatte sich verändert. Ja, so viel! Kassiopeia konnte es kaum fassen und sie dachte, dass sie jeden Moment aufwachen müsste. Doch sie wachte nicht auf.

Sie musste unbedingt mit Eilinora reden – so dringend, wie nie zuvor, auch wenn es diesmal nicht um Mord und Totschlag ging, nicht um wahnsinnige Balaurendaevas, nicht um das Schwarze Tor, nicht um Äthermesser, nicht um Gift-Attentäter… einfach mit Eilinora reden, von Frau zu Frau.


Wenige Stunden zuvor…

Als Ildan mit Katlana zusammen durch die Tür der Taverne am Außenhafen kam, blickte Kassiopeia schon ein wenig irritiert. Er hatte schon recht lange gebraucht, um seine nassen Klamotten umzuziehen, aber da dachte sie sich zunächst nichts dabei. Aber dass ihm zufällig Katlana über den Weg gelaufen war? Aber was sollte es schon gewesen sein? Kassiopeia hatte genug damit zu tun, dem peinlichen Gesprächsthema Failins auszuweichen und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie tatsächlich rot im Gesicht war: “Tomatenzeit” – wie es Failin ständig nannte.

Aber sie war froh, dass Ildan da war und lehnte sich an ihn. Das Gespräch verlief auch schon bald in wieder angenehmeren Bahnen für Kassiopeia – zumindest hatte sie nichts dagegen, sich über die möglichen Namen für Failins und Aesons Kind zu unterhalten. Als dann auch noch die Sprache auf ihre geplante Hochzeit aufkam, leuchteten ihre Augen kurz auf, denn nach all den Sorgen und den dunklen Stunden der letzten Zeit waren das doch schöne Aussichten und sie freute sich für Aeson und besonders für Failin, die Kassiopeia schon sehr schnell in ihr Herz geschlossen hatte.

Doch wieso verschwanden auf einmal alle aus der Taverne? Na gut, eigentlich nur Katlana, Aeson und Failin – ließen Ildan und Kassiopeia allein mit Atifure und Tures zurück, die jedoch beschäftigt waren. Was war das für ein Blick, den Katlana kurz zuvor noch Ildan zugeworfen hatte? War doch vielleicht irgendetwas Schlimmes? Und wieso war Ildan auf einmal so nervös? So kannte sie Ildan gar nicht. Ildan? Jener Priester, der am Festtag der Menge Mut machen konnte und dem das Publikum an den Ohren hing wie Daeva am Äther?

Ildan hatte sie vorher sanft gehalten, während sie vor ihm stand und mit dem Rücken an ihm lehnte. Doch er drehte sie zu sich, griff nach ihren Hände und blickte sie zögerlich an und stammelte so, wie es normalerweise eher Kassiopeias Art war: “Ich… Kassi…”

Kassiopeia runzelte die Stirn und blickte zu ihm. Irgendetwas wollte er ihr sagen, das war sicher.

“Kassi, ich… ich muss…”

Kassiopeia schluckte schwer. Oh, nein! Sie riss die Augen auf: “Ildan! Bist… bist du… bist du krank?” Nein, bitte nicht!

Ildan schüttelte den Kopf: “Nein, ich… ich… wollte dich etwas fragen.”

Kassiopeia runzelte die Stirn und was war das für Getuschel von außerhalb der Taverne? Hörte sie da Failins Stimme? Und wieso waren die eigentlich rausgegangen?

“Wieso sind die Anderen eigentlich gegangen? Wir… wir sollten vielleicht nachsehen, was die Anderen da draußen…?”

Ildan ignorierte es oder schien zu sehr damit beschäftigt zu sein zu sagen, was er gerade sagen wollte: “Kassi, ich… ich wollte dich fragen… kannst du dir vorstellen… länger mit mir zusammen zu sein?”

Was war das denn für eine komische Frage? Kassiopeia nickte: “Natürlich, wieso fragst du? Ich meine, es ist doch… es ist doch… wieso sollte ich? Natürlich. Ich bin davon ausgegangen, besonders jetzt, da wir mehr Zeit für uns haben.”

Ildan holte wieder Luft: “Ja, ich meinte aber… also… und wenn es für die Ewigkeit wäre?”

Kassiopeia runzelte die Stirn – sie verstand immer noch nicht: “Aye, natürlich. Wir sind Daeva. Aber wieso fragst du?”

“Weil ich dich… gerne heiraten würde”, Ildan blickte verlegen zu Boden.

Kassiopeia blinzelte nicht. Sie starrte – auf Ildan und dann durch ihn hindurch. Es war ein vollkommen leerer Blick. Ihr Gesicht wurde kalkweiß und ihre Sommersprossen traten deutlich hervor. Was hatte er…? Nein, er hatte nicht eben gefragt… nein, nein. Was ist das eigentlich für eine überaus interessante Wand da hinten hinter Ildan?

“Kassi?”, Ildan hob nun doch besorgt den Blick und griff nach Kassiopeias Wange.

Ah, Ildan, ja. Kassiopeia seufzte innerlich, als ihr Blick langsam wieder in die Realität zurückkam und sie Ildan ansah. Was? Er hatte eben etwas gefragt, oder? Er hatte… nein, das hatte er nicht. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie ihn heiraten wollte. Nein, nein. Und wieso nickte sie? Sie nickte? Ja, sie nickte! Und dann küsste Kassiopeia Ildan leidenschaftlich, drückte ihn fest an sich, die Augen fest dabei schließend. Ja, natürlich wollte sie. Was? Was wollte sie?

Kassiopeia hatte alles um sich herum vergessen. Nur langsam löste sie den Kuss und blickte in Ildans tiefdunkle Augen: “Du… du hast eben…? Habe ich…?”

“FREIBIER”, johlte Tures von hinter der Theke unter großem Gejubele des restlichen Publikums, der das nur am Rande mitbekommen hatte, aber Freibier war etwas, das jeder verstand.

Ildan schaute sich verlegen um: “Komm, lass uns rausgehen.” Er griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich, da Kassiopeia doch immer noch ein wenig verwirrt und orientierungslos war und auch ebenso schwankte. Als Ildan das bemerkte, griff er einmal zu und nahm Kassiopeia auf den Arm, auch wenn diese sich kurz dagegen wehren wollte – doch dazu war sie noch zu irritiert.

Erst auf dem Rasen neben dem Eingang ließ er sie ab. Kassiopeia atmete tief durch: “Ja, hier draußen ist die Luft hier viel besser.” Dann hielt sie aber inne. “Habe ich da drinnen eben wirklich…? Hast du mich eben…?”

“Hast du nicht wahr genommen, was ich dich gefragt hatte?”
“D-doch, also… wenn… wenn du…. mich wirklich… aber ich war mir… mir nicht sicher, ob… ich…”
“War es dir auch ernst?”

Und wie ernst es ihr war! “Aye, natürlich! Aber ich… ich… ach herrje, ich habe alles… ich habe den ganzen Moment…”, Kassiopeia senkte den Blick. “Entschuldige, ich habe… habe mich blöd verhalten, ich habe alles… vermasselt.”

“Sag mir einfach, ob du willst”, Ildan lächelte leicht. Ja, er kannte Kassiopeia mittlerweile und eigentlich wäre eine andere Reaktion von ihr auch merkwürdig gewesen.

“Aye! Natürlich will ich das! Was ist das für eine Frage!”

Ildans Augen flammten auf, als er sie leidenschaftlich küsste und Kassiopeia sich wieder in dem Kuss verlor, hier draußen weitaus mehr bei Sinnen als drinnen. Und hörte sie von der anderen Seite der Treppe etwas aufgeregte und erfreute Stimmen? Nein. Oder waren es doch Katlana und Failin? Nein, sie würden nicht.

Nur langsam lösten sie sich und Ildan lächelte Kassiopeia an: “Du bist du.”

“Weißt du denn überhaupt, was du dir da eingehandelt hast? Ich meine, wir… hatten so wenig Zeit – die letzte Zeit. So wenig Zeit, um uns doch wirklich näher kennenzulernen. Nur die letzten Wochen waren…”

“Aye, und genau wegen dieser letzten Wochen bin ich mir so sicher und will mit dir zusammen sein. Du bist das beste, was mir je passiert ist.”

Kassiopeia lächelte glücklich und lehnte sich an Ildan. Hörte Kassiopeia hinter der Treppe Katlana aufseufzen in diesem Moment? Nein, das würde das Fräulein Katlana sicherlich nicht machen.

Ob die drei nun aber gelauscht hatten oder nicht, das konnten sie nicht genau herausfinden. Auch nicht, als sich Ildan und Kassiopeia verabschiedet hatten von ihnen. Ildan war sich ziemlich sicher, aber Kassiopeia nicht – auch wenn sie zugegebenermaßen skeptisch war. Failin? Ja, die sicherlich, aber Katlana würde so etwas sicherlich nicht machen! Nein, sicherlich nicht! Auch wenn Kassiopeia unsicher war, als sie auf dem Weg zurück nach Verteron waren: “In Tolbas sehe ich mir deinen Sonnenbrand mal an. Ich kenne da ein gutes Rezept dagegen…”

Kassiopeia hakte sich in Ildans Arm ein, als sie auf dem Weg zum Teleporter nach Verteron waren. Sie vergaß sogar ihre übliche Verlegenheit und Verschämtheit – nein, davon war in diesem Moment nichts mehr zu spüren. Sie fühlte sich, als ob sie die gesamte Götterfestung gerade einnehmen könnte – eigenhändig. Ihre Augen leuchteten förmlich, wie es selbst der reinste Äther nur schwer hinbekam, während sie voller Stolz an der Seite “ihres” Ildan schritt…

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