At the beginning

Beim Thomas gibt es einmal wieder einen spannenden Artikel über den Zauber erster Sätze – ein wirklich spannendes Thema. Wenn ich bedenke, wie lange ich auch bei meinen Entwürfen ausgerechnet immer am ersten Satz hänge, ihn umarbeite, verwerfe und dann was ganz Anderes nehme.

Der erste Satz ist immerhin die Tür zum Roman – im Normalfall das Erste, was man liest. Das sollte schon direkt in die Geschichte ziehen oder eine Charakterisierung des Settings, des Hauptcharakters oder der Stimmung sein. Viele erste Sätze sind in Ordnung, aber krachen nicht. Ob ich auf 10 Sätze komme wie Thomas komme? Mal schauen. Allerdings ist das bei mir auch keine Reihenfolge der Gewichtung, sondern rein assoziativ.

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„True! –nervous –very, very dreadfully nervous I had been and am; but why will you say that I am mad?“

(„The Tell-Tale-Heart“, E.A. Poe)

Anfangen will ich mit diesem Satz, denn das war der erste, der mir bei dem Thema förmlich ins Gesicht sprang. Er gehört zu einer meiner absoluten Lieblingsgeschichten – einem unvergleichlichen Meisterwerk von Poe. Warum?

Dieser Satz zieht einen direkt in die Gedankenwelt des Wahnsinnigen und macht einen neugierig. Der Leser wird direkt angesprochen und somit einbezogen. Außerdem gefällt mir, wie zerrüttet dieser Satz zwar ist, aber dennoch wie überschaubar an sich. Man stutzt, man horcht auf, man wird neugierig. Dieser Satz ist als Anfangssatz ein kleines Kunstwerk; meiner Ansicht nach.

Dieser Dialog mit dem Leser, die Rechtfertigungen, die direkt mit dem ersten Satz beginnen … herausragend! Dies ist für mich eine der besten Kurzgeschichten, die je verfasst wurden. Die ganze Geschichte könnt ihr hier nachlesen. Wer sie nicht kennt, sollte es unbedingt nachholen. Meiner Ansicht nach Poes Meisterstück.

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„Bear in mind closely that I did not see any actual visual horror at the end.“

(The Whisperer in Darkness, H.P. Lovecraft)

Seien wir ehrlich: Lovecraft hat selten gute erste Sätze. Das sage ich als großer Lovecraft-Fan; immerhin habe ich meine Magisterarbeit über ihn geschrieben. Seine Sätze und auch seine Anfangssätze sind häufig zu lang, zu verschachtelt. Aber das hier? Das ist es! Genau das! Das ist präzise, das ist wie ein sauberer Schnitt. Lovecraft hat manche dieser Sätze und diese zeigen, was ihn so großartig macht.

Was passiert hier noch zudem? In der Literaturtheorie wird das gerne mal „retardierender Effekt“ genannt. Der Erzähler deutet etwas Unglaubliches an und verspricht dem Leser, dass er ihm davon erzählt – doch er traut sich nicht. Er schiebt es immer weiter und weiter vor sich her. Er verliert sich weiter in Andeutungen, weil das Grauen so unglaublich ist, dass er sich nicht traut es auszusprechen.

Hinzu kommt, dass der Satz auch eine gute Charakterisierung des Themas ist: Es geht hier nicht um einen optischen Horror. Es geht nicht um etwas, das man sehen kann. Hier geht es um etwas, das man spürt, das man denkt. Es ist mehr als ein Monster mit langen Zähnen. Es ist ein Horror, der sich nicht greifen lässt. Das ist keine Geschichte über einen bösartigen Menschen mit spitzen Zähnen oder über einen Werwolf.

Das ist die Quintessenz dieses ersten Satzes. Es ist ein Reden um den heißen Brei und auch wenn das negativ klingt, ist es der Punkt, der Whisperer in Darkness zu einem herausragenden Buch macht – und viele andere von Lovecrafts Werken auch.

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„There was no possibility of taking a walk that day.“

(Jane Eyre, Charlotte Bronte)

An sich wirkt dieser Satz so einfach und dennoch hat auch er genau seine Stärke in dieser Einfachheit. Hier gibt es direkt einen Konflikt und es geht direkt weiter. Man wird gleich reingezogen und das ist gut, denn Jane Eyre ist nicht gerade ein kurzes Buch. Ich mag es, wie direkt man mitten in der Handlung ist, was zu jener Zeit nicht unbedingt üblich war.

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„BERNARDO: Who’s there?“

(Hamlet, Shakespeare)

Na gut, das ist ein wenig gemogelt, weil es ein Theaterstück ist und erst der erste Satz, wenn man die Regie-Anweisungen weglässt. Aber das ist der Satz! Ich denke, viel mehr Bücher könnten mit diesem Satz anfangen.

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„An unusual sensation possesses my breast—a sensation which I once thought could never pervade it on any occasion whatever.“

(The Coquette, Hannah Webster Foster)

Auch hier ist es leider nicht der richtige erste Satz. Zu häufig war es zu jener Zeit üblich, ein Vorwort zu schreiben, das auch noch wichtig für die Geschichte war. Aber hier bei dem Satz, da fängt der Roman eigentlich an – und müsste auch heutzutage genau hier anfangen.

The Coquette gehört zu meinen absoluten Lieblingen der klassischen Literatur. Auch wenn viele vielleicht die Nase rümpfen, da es sich um die sogenannte „sentimental literature“ handelt, doch das ist so viel tiefer als irgendwelche Heftchen, an die manche nun denken.

Da beginnt der Roman nämlich gleich mit einem Paukenschlag. Damals muss das wohl ziemlich anzüglich geklungen haben und da man weiß, dass es sich um Briefe handelt, horcht der Leser auf, was für eine intime Geschichte er nun erzählt bekommt. Ich liebe dieses Buch. Es gibt selten Bücher, bei denen ich mit glasigen Augen gelesen habe; dieses ist eines davon.

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„She had been running for days now, a harum-scarum tumbling flight through passages and tunnels.“

(Neverwhere, Neil Gaiman)

Das Einzige, was ich diesem Satz anlaste ist, dass man noch nicht den launischen Erzähler heraushört, der den Rest des Buches so wunderbar trägt. Der fehlt mir hier, folgt aber schon bald in einer ebenso hervorragenden Exposition.

Warum ich den Satz mag? Das brauche ich wohl kaum genauer zu erläutern. Das ist direkte Action, das ist direkt in ein Problem gesprungen. Wer flieht? Warum? Für Tage? Tunnel? Ich will mehr lesen! Jetzt!

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„The horror came to Partridgeville in a blind fog.“

(The Space-Eaters, Frank Belknap Long)

Man könnte fast denken, dass der Satz bereits zu viel verrät und Spannung nimmt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Auch hier beginnt es mit einem Paukenschlag und dann tritt der lovecraftsche Effekt ein: Die Spannung wird bis ins Unerträgliche aufgebaut über die nächsten Seiten.

Der Leser weiß nur: Es ist etwas passiert – etwas Schreckliches. Trotzdem landen wir als nächstes bei zwei Freunden, die sich unterhalten. Zugegeben, der einer schreibt eher wie wild, weil er wohl etwas in Worte versucht zu bannen. Das ist dann auch das Thema der Geschichte; einer der größten Geschichten des Cthulhu-Mythos, wie ich finde.

Ich liebe „The Space-Eaters“. Der Name ist so flach, so platt, so B-Movie. Aber die Geschichte ist so herausragend intelligent und unheimlich… auch diese könnt ihr hier nachlesen.

 

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„Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt.“

(Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele, Suzanne Collins)

Zuerst sah ich den ersten Film und der hatte mich absolut begeistert. Dann wurde ich neugierig auf die Bücher, war aber noch sehr skeptisch und vorsichtig, vor allen Dingen, als ich die Perspektive hörte: Ich-Perspektive und Jetzt-Zeit. Aber dieser Satz hatte mich direkt gefangen genommen und ehe ich es mich versah, war ich mitten im Buch drin. Denn das ist so ungeheuer nahe und direkt und genau das zeigt sich bereits in diesem ersten Satz, der einem diese ungewohnte Erzählperspektive gleich an den Kopf knallt.

Außerdem macht der Satz neugierig und lässt ein paar zunächst falsche Schlussfolgerungen zu. Hinzu kommt, dass es natürlich aufhorchen lässt, wenn man so direkt mit dem Erzähler über sowas intimes wie das eigene Schlafzimmer direkt redet; aber auch sogleich merkt, dass etwas nicht stimmt. Dieser erste Satz ist eine so wunderbare Exposition für all das Gefühlschaos und die Höhen und Tiefen, durch die diese großartige Buchreihe den Leser steuert.

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„The question of how long someone believed in Santa Claus is a worthless topic that would never come up in idle converstation.“

(The Melancholy of Haruhi Suzumiya, Nagaru Tanigawa)

Wer mein Blog länger liest, weiß wie sehr ich in das ganze Haruhi-Suzumiya-Thema verliebt bin. Das ist eine großartige Anime-Serie, ein großartiger Manga, aber auch die Light-Novel-Reihe, aus der das alles entstanden ist, ist phänomenal.

Dieser erste Satz kommt so auch fast im wörtlich im Anime vor und ich kann ihn fast auswendig, weil er so großartig ist. Meiner Ansicht nach ist das mal ein ausgesprochen gelungener Prolog, bei dem man von allgemeinen Weisheiten plötzlich sich mitten in einer postmodernen Geschichte wiederfindet.

Leider bekommt man noch nicht so ganz mit, wie zynisch der Erzähler doch werden kann – und dass er sogar (fast) die Hauptfigur ist. Ein wenig kann man es schon daran erkennen, wenn er von „is a worthless topic“ spricht. Mich fesselt dieser erste Satz auf mehreren Ebenen, denn einerseits fragt man sich, wieso der Erzähler das Thema dann aufbringt, andererseits, worauf er hinaus will und was das alles miteinander zu tun – und wieso, um alles in der Welt, erzählt da jemand vom Weihnachtsmann? Eine Sache, an die wir alle schon lange im Normalfall nicht mehr glauben. Und – BÄM! – schon sind wir mitten im Thema der ganzen Suzumiya-Reihe.

Die Folgesätze ziehen einen dann noch vielmehr mit, wenn der Erzähler dann meint: „Having said that, if you’re going to ask me how much of my childhood I spent believing in an old man in a red suit, I can confidently say that I never believed in him to begin with.“ Großartig! Aber gut, hier geht es um erste Sätze. Aber ich liebe jedes einzelne Wort dieses ersten Absatzes, dass ich mich nur schwer zurückhalten kann.

Die Light Novel zu Melancholy of Haruhi Suzumiya ist mein unbedingter Geheimtip, wenn es um postmoderne Geschichten geht. Ja, mit einem Manga-Bild alle paar 20 Seiten – Light Novel eben. Gibt es auf Amazon leider nur noch gebraucht. Aber es lohnt sich!

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