Trolle unter der Brücke – Online-Flames jetzt auch real?

Trolle unter der Brücke – Online-Flames jetzt auch real?

Sascha Lobo sagt, die Welt wäre zum Onlineforum geworden und auch wenn sich das für mich nicht überraschend oder neu anfühlt, denke ich mir: Och, nö! Nicht weil ich die These abstrus finde. Ich würde sie gerne abwegig finden, aber sie scheint stimmig. Was ich bisher nur als Internettrolle kennengelernt habe, sehe ich täglich im Fernsehen und auf der Straße.

Gerade daher stöhne ich ja auf, denn bisher habe ich mich durchaus sicher gefühlt, wenn ich aus der Welt der Trolle oder Netzidioten einfach raus ans Tageslicht gegangen bin. Da war die Welt anders und Leute konnten sich nicht hinter Fake-News und Parallelwelten verstecken. Nicht immer. Aber man glaubte zumindest an ein Gefühl von Sicherheit, Freundlichkeit und Menschlichkeit. Keine Flamereien, keine Provokationen, keine Shitstorms. Na gut, das gab es auch früher schon. Aber es scheint wirklich auch abseits des Internets immer mehr und mehr zu werden, besonders weil diese Welten immer mehr miteinander verschmelzen.

Bisher wähnte ich mich nur in der scheinbaren Sicherheit außerhalb der Online-Welt, dass die ganzen Trolle zumindest in der Realität eine etwas andere Maske anlegen müssen und ihren Unsinn nicht einfach so in die Welt posaunen. Das ist nun wohl vorbei. Zugegeben, schon seit einiger Zeit, aber als ich den Artikel gelesen habe, wurde mir das erst so richtig bewusst.

Noch gut erinnere ich mich, als jemand – ich glaube, das war auch Lobo – die Rhetorik mancher damals erst aufstrebender rechter Politiker der von Trollen gleicht. Das war schon damals einleuchtend und hat mir viel erklärt. Den Artikel finde ich leider nicht mehr und auch mein Google-Fu versagte diesmal. Ist aber auch nur halb so wichtig. Viel wichtiger ist: Die Entwicklung gibt es schon länger, aber im Moment ist es beunruhigender geworden, denn diese Phänomene verdichten sich mehr und mehr.

Damals vor’m Kriesch online

Ich bin schon lange im Online-Diskutieren dabei. Nicht so lange, wie Andere, die sicherlich jetzt aufjaulen. Aber seit Ende der 90er. Und viel habe ich mitdiskutiert und philosophiert. Größtenteils über Spiele, häufig aber auch über Bücher und Filme. An das Usenet denke ich immer noch gerne zurück und werfe sogar hin und wieder einen Blick auf das, was noch davon übrig geblieben ist. Was habe ich mir für Schlachten in Mailinglisten geliefert und dann auch in den ersten Spieleforen …

Viel findet man sicherlich auch heute noch und auch ich habe mal geflamed – damals in meiner Sturm&Drang-Phase, wie ich sie heute nachträglich nenne. Man wollte eben schauen, was möglich ist, wie man sich bewegt und wer man überhaupt ist in diesem Internet. Außerdem ereiferte ich mich manchmal gerne in der Vergangenheit in mancher Schlacht. Das sind Erfahrungen, die vermutlich jeder irgendwann im Internet macht. Bei mir sind diese Erfahrungen jetzt auch über 15 Jahre her und ich bin seitdem deutlich gemäßigter, vernünftiger und abgeklärter geworden. Das hoffe ich zumindest.

Das waren damals schon unangenehme und merkwürdige Diskussionsdynamiken, die auch immer schlimmer wurden, je mehr die Nutzung dieser Plattformen in der Allgemeinheit angekommen ist. Während es anfangs meist eher sture Menschen waren, mit denen  man aneinander geriet, merkte man an vielen Stellen mehr Boshaftigkeit. Während manche Internettrolle eher bellten und nicht bissen, spürte man  mehr und mehr Garstigkeit einziehen in manchen Diskurs. Da gab es immer mehr Menschen, die tatsächlich zerstören wollten – nicht nur Themen, sondern auch Reputationen und Personen. Das war alles virtuell. Größtenteils. Nicht immer, traurigerweise.

Internettrolle singen ein altes Lied

Mir ist das alles also überaus vertraut. Leider. Das jetzt also auch in der Realität. Irgendwie habe ich es schon lange gespürt, aber nie wirklich realisiert. Vielleicht auch nicht realisieren wollen. Denn das ist ein unangenehmer Diskurs, eine unangenehme Diskussionsart, eine unangenehme Unart. Ich will das nicht auch noch offline erleben, denn all die Kämpfe online haben mich auf Dauer zermürbt und während ich anfangs Feuer und Flamme war, suchte ich mir dann die Schlachten gezielter aus. Aber da kommt man nicht dran vorbei.  Denn einfach nur still sein? Nein. Solchen Deppen die Welt überlassen? Nein.

Vielleicht ist aber auch ein Stück Hoffnung in meiner anfänglichen gespürten Resignation beim Lesen von Lobos Artikel. Denn ich kenne das tatsächlich alles. Ich war dabei und habe gegen solche Trolle schon argumentiert. Unzählige Male! Eigentlich sollte ich mir also weniger Gedanken machen, denn ich glaube und hoffe, dass ich beim Umgang mit diesen Menschen geschulter bin als Andere. Das wird mich nicht vor Fehlern bewahren und das macht es nicht unbedingt immer einfacher. Aber man weiß, was einen erwartet. Ich tappe nicht in die gleichen Fettnäpfchen, wie ich sie bei anderen Menschen sehe, die da unerfahrener sind (ich erwische dafür neue). Gerade wenn ich mir meine Facebook-Timeline so anschaue, kann ich manchmal nur mit den Augen rollen.

Abfinden darf man sich jedenfalls nie mit trolligem Verhalten. Es ist nur traurig, dass man es jetzt auch außerhalb des Internets immer häufiger sieht.

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