Der Tod des Germanisten – meine Vorurteile zu einem schönen Fach

Nichtsahnend lese ich einen Artikel in der Zeit über Germanistik und Literatur und plötzlich stürmen auf mich so viele Erinnerungen ein – aus der Schulzeit, aus der Studienzeit. Ich habe Amerikanistik und Anglistik studiert, nicht Germanistik. Mein Plan war ursprünglich ein anderer. Aber den haben mir manche Lehrer zur Schulzeit ausgetrieben. Zurückgelassen wurde ich mit einem sehr erschreckenden Germanistikbild, von dem ich gar nicht weiß, ob es überhaupt stimmt.

„Was will uns der Autor damit sagen?“ – Wie sehr ich diese Frage gehasst habe und immer noch nicht ausstehen kann. Wo hörte ich sie? Eigentlich nur im Deutschunterricht; und außerhalb der Schule manchmal von ein paar notorischen Besserwissern. Meiner Ansicht nach ist das einer der überschätztesten und schlechtesten Sätze überhaupt. Dass ich das sage, ist klar. Ich bin Post-Strukturalist mit Leib und Seele und meine Frühstückslektüre ist Roland Barthes The Death of the Author.

Wie gerne ich meine damalige Deutschlehrerin heute treffen würde, denn jetzt könnte ich ihr all das widerlegen, was sie mich lehrte und eigentlich nur zeigte, wie wenig Ahnung sie von Literaturtheorie und Literaturkritik hatte.

Der Akt des Hörens

Bei meinem Jan-Tenner-Rerun merke ich, wie sehr man sich doch verändert. Ich erinnere mich an manche Bilder und Momente noch recht gut. Sogar einige Dialogfetzen kann ich vorausahnen, denn die Hörspiele habe ich als Kind rauf und runter gehört. Dennoch erlebe ich die ganzen Geschichten anders.

Damit meine ich noch nicht einmal, dass ich als Kind echt Schiss bei den ersten Folgen hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie die 2. Folge mit dem „Tödlichen Nebel“ mir ein unglaubliches Unbehagen erzeugt hat, weil ich mich so ungeheuer stark in Jan Tenner in seinem Miniroboter reinversetzen konnte. Schon kurios, denn die Perspektive ist eigentlich eine andere: Der Zuhörer hört gemeinsam mit Tanja und Professor Futura die Funksprüche von Jan. Man ist also durch die Erzählperspektive noch nicht einmal dicht an ihm dran.

Viele Bilder, die ich noch im Kopf hatte, höre ich nun vollkommen neu und die Kulissen verändern sich dadurch. Ich merke, wie ich mir die Dinge heute anders vorstelle als damals. Einige Dialogmomente habe ich als Kind wohl sogar komplett überhört oder ignoriert. Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie das Kino in meinem Kopf so vollkommen anders aussieht, als das, wie es an sich war.

Gerade bei der „Zeitfalle“ ist mir auch wieder aufgefallen, wie unterschiedlich meine Erinnerung doch zu den Bildern ist, die ich dann heute mir vorgestellt habe. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Während ich mir wirklich ständig als Kind einen ungeheuer dichten Dschungel vorgestellt hatte, habe ich heutzutage das Bild einer gerodeten Waldfläche im Kopf – das, was auch wirklich beschrieben wurde. Es ist ungeheuer spannend, wie unterschiedlich die Wahrnehmung da ist und wie sehr fehlendes Wissen über manche Dinge wohl diese Bilder beeinflusst hat. Denn als kleiner Knirps konnte ich mir vermutlich kaum etwas unter einem gerodeten Dschungel vorstellen.

Viel spielte wohl auch damit rein, dass ich als Kind immer mit der Hülle der Kassette vor Augen die Folge gehört habe. Das bedeutet, dass ich in vielen Momenten mir wirklich das vorstellte, was man da auf dem Cover sah – auch wenn das nur in den seltensten Fällen wirklich so passierte. Dennoch beeinflusste mich das wohl auch stark. Jetzt mit den MP3 sehe ich die Cover natürlich fast gar nicht mehr während der Autofahrt.

All das ist ungeheuer spannend und erinnert mich an eine Hausarbeit, die ich mal zu Studiumszeiten über Reader Reception Theory geschrieben habe. Das Thema war damals, wie die unterschiedlichen Ausgaben vom Herrn der Ringe das Lese-Erlebnis beeinflussen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich da die grüne Edition und das rote Buch miteinander verglichen und auch einen kleinen Ausflug zum Hobbit-Comic gemacht. Das ist aber schon lange her. Doch ich denke, dass es ein ähnliches Thema ist.

Sehr spannend diese ganze Hörspielsache, nur leider fehlt mir die Zeit, das Ganze ein wenig fundierter und wissenschaftlich zu beleuchten. Daher bleibt es leider nur bei diesen sehr subjektiven Gedankenfetzen.

Covering details

Beim Thomas habe ich einmal wieder einen interessanten Artikel zu Buch-Covern gelesen. Darauf wollte ich einen Kommentar schreiben, aber: Der wurde einmal wieder so lang, dass ich mir dachte, ich verlinke das einfach mal lieber hier und mache den Kommentar auch hier.

Hat den Vorteil, dass es wenigstens ein eigener Artikel ist und kein überlanger Kommentar und außerdem vielleicht andere Leute aufmerksam auf den spannenden Artikel von Thomas werden. Sowieso kann ich Thomas‘ Blog immer wieder sehr empfehlen – gerade die Einblicke in „books on demand“ und wie viel man doch selbst hinbekommt, sind immer wieder sehr inspirierend.

Dieses sehr spannende Thema, das Thomas über Cover anspricht, hatte mich auch mal am Anfang meines Studiums beschäftigt: Wie beeinflusst das Äußere eines Buchs das Lesegefühl?

Das war natürlich eine meiner ersten Hausarbeiten, von daher gebe ich die nur unter Verschluss raus, aber die These und das Thema finde ich bis heute noch spannend. Da habe ich dann ein wenig Wolfgang Isers „Rezeptionstheorie“ und andere „reader-reception-theory“ rangezogen, um das am Beispiel vom Herrn der Ringe zu beleuchten.

Ich weiß schon gar nicht mehr, auf welches Ergebnis ich genau kam, aber man kann sich das auch mal schön veranschaulichen, wenn man die alten, deutschen „Herr der Ringe“-Ausgaben sich anschaut: Da gab es diese eklig grüne, dann gab es das dicke rote Buch und dann gab es da noch eine Ausgabe mit einem normaleren Motiv und normaleren Farben – gab und gibt sicherlich noch mehr Ausgaben, aber das waren zumindest die, auf die ich damals zurückgegriffen hatte.

Ich habe damals versucht, die „grüne“ Ausgabe zu lesen. Ging nicht an mich. War fürchterlich. Ich hatte jedes Mal eine absolute Abneigung, weil ich das Buch einfach hässlich fand. Dann gab es das rote Buch, das mir schon besser gefiel, schon allein von der Aufmachung, aber die Seiten klebten teilweise aneinander und mir kam es eher wie eine „Bibel“-Ausgabe vor, weil die Seiten so dünn waren und auch da war das Lesegefühl nicht sonderlich toll.

Dann bekam ich von meinem Schüleraustauschpartner die englische Gesamtausgabe geschenkt. Da war ein Bild von Gandalf im Regen drauf. Insgesamt eher dunkel. Das konnte ich lesen und da nahm ich das Buch gerne in die Hand. Das war auch die erste Ausgabe, die ich dann endlich lesen konnte, während ich die anderen Ausgaben alle abbrechen musste! Natürlich ist das ein wenig unscharf von der Argumentation, weil da der Sprung auf die englische Sprache kam und es möglicherweise auch einfach an einer nicht ganz so guten deutschen Übersetzung lag. Trotzdem denke ich immer noch, dass der Eindruck, den einen ein Buch liefert, sehr viel Einfluss auf das Lesegefühl hat.

Die dritte, deutsche Ausgabe, die ich oben erwähnte, fühlte sich beispielsweise auch immer viel schöner an, als die anderen beiden Ausgaben und nehme ich viel lieber in die Hand. Wenn ich nicht die englische Ausgabe nicht davor bekommen hätte, hätte ich vermutlich da das erste Mal ausdauernder reinblicken können.

Für mich hat sich abschließend nur immer wieder die Frage gestellt: Wer kam eigentlich darauf, zu sagen „Ich habe voll die super Idee für die optische Gestaltung vom HdR: Wir machen ihn giftgrün! Das mögen die Leser bestimmt! Passt auch richtig zum Thema.“ Da muss doch irgendwas schief gegangen sein, oder nicht? Weiß da zufälligerweise jemand mehr?