Aion in the city

Ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag nun keine Welle der Entrüstung hervorrufe, denn über Geschlechterverhalten zu reden, ist ja immer so eine heikle Sache – besonders als Mann. Da werden einem gerne mal Worte im Mund herumgedreht, die man so eigentlich nicht sagte. Ich hoffe allerdings, dass der Großteil doch wenigstens versteht, warum ich mich so sehr über folgendes Thema aufregen – muss -!

Mein persönlicher Liebling aus dem Motz-Thread von letztens über die Kleidungspreise bei Aion war ja das hier: „weibliche Spieler…“. Großartiges Tennis – so großartig, dass ich das nun nicht  in die „Powerplay“-Kategorie packe, sondern in die lange Zeit vernachlässigte „The Gender! The Gender!“.

Ich vermute, nicht nur mir als Mann ist das peinlich, was die gute Dame da schreibt, oder? Es gibt noch genug Frauen hoffentlich, denen bewusst ist, a) wie kontraproduktiv das ist, um ernst genommen zu werden und b) wie mehrere Jahrhunderte der Arbeit an gleichwertigen Frauenrollen durch solche Postings zunichte gemacht werden.

Wisst ihr, woran mich das erinnert? An eine meiner persönlichen Lieblingsgeschichten von der Uni, die ich vielleicht sogar schon einmal gebloggt habe:

Ich hatte als einen meiner Schwerpunkte im Studium „Gender Studies“ – nicht, weil ich dann der einzige Mann in den Seminaren war, sondern weil ich es spannend und wichtig finde. Ich würde mich als aufgeklärten und emanzipierten Mann ansehen. Was da aber teilweise drin war, war schrecklich. Da wundert mich nicht, dass „Gender Studies“ und Emanzipation einen negativen Ruf haben.

Beispiel gefällig? Wir diskutierten über „Their Eyes were watching God“ – nicht nur, dass die gute Autorin afrikanischer Abstammung war, nein, sie war natürlich auch weiblich und das Buch gilt als eines der wichtigen in dieser Richtung. Schön und gut. Wir diskutierten darüber. Nein, Moment – wir diskutierten nicht, die Damen des Kurses schwelgten darin, wie schön doch das alles sei, wie toll das erzählt sei und dass die Erzählerin ja die Liebe ihres Lebens gefunden hat usw. Ich möchte an dieser Stelle betonen: ohne Textbelege – in der Philologie. Es war also lediglich larifari-Reden und nicht wirklich wissenschaftliches Arbeiten.

Irgendwann ging mir das ein wenig auf den Senkel, da ich einerseits nicht da war, um Belangloses über das Buch zu diskutieren und andererseits das vollkommen anders sah. Also brachte sich der böse (einzige) Mann des Kurses in die Diskussion ein: Ich zitierte Textstellen und benutzte sie, um meine These zu untermauern, dass die Erzählerin eben nicht weiß, was Liebe ist, sie eben nicht gefunden hat, weil sie nie – das ganze Buch über – erwachsen und selbständig wurde. Sie hat sich immer von Männern abhängig gemacht und dieses kindlich verträumte als Kind hat sie nie abgelegt. Dadurch mag sie zwar am Ende glücklich sterben (aber selbst darüber könnten wir diskutieren), aber sie wurde nie frei und selbstbestimmt.

Das ist nun ein paar Jährchen her und vielleicht stimmt diese Zusammenfassung meiner Thesen auch nicht unbedingt genau. Aber ich denke, die ungefähre Richtung kommt rüber. Ich fand durchaus, dass meine Interpretation nicht frauenfeindlich war – im Gegenteil. Denn ich wollte aufzeigen, wo die Frauenrolle eben nicht selbstbestimmt war, wo sie sich eben von den Männern abhängig gemacht hat und warum dieser ganze Traum im Prinzip eine Farce ist.

Was kam als Reaktion von der versammelten Weiblichkeit des Seminars? „War ja klar, dass das ein Mann sagt.“ Damit war mein Einwurf in die Diskussion gegessen. All meine Textbelege, all meine Argumente waren damit widerlegt. Es kam tatsächlich sonst kein einziges Argument dagegen und mit diesem Satz war meine Interpretation ad acta und ad absurdum geführt. Toll, nicht wahr? Und sowas, wenn man sich wissenschaftlich über Romane unterhalten will. Ich saß reichlich fassungslos und still bis zum Ende des Seminars dort.

Zum Glück traf ich ein paar Stunden später unseren Dozenten auf dem Gang, der sich bei mir bedankte, dass ich das eingeworfen habe, denn einerseits hatte er auf eine Diskussion darüber gehofft und andererseits sah er es auch nicht ganz so – aber war ja auch ein Mann.

Was das nun mit dem verlinkten Thread zu tun hat? Da sprechen Frauen ewig von Gleichberechtigung, wollen ernst genommen werden, leben dann aber in genau diesem verkrusteten Weltbild weiter und sonnen sich in ihrer Geschlechterrolle. Das ist nicht Emanzipation, das ist das Neuentdecken der eigenen Unmündigkeit.

Ich habe echt kein Problem damit, wenn weibliche Spieler „weiblicher“ sind in ihrem Auftreten oder auch dieses oder jenes weibliche Muster vorweisen. Zumindest weiß hoffentlich die gute Petra, unser Main-Tank im 10er-WoW-Raid, dass ich sie schätze, auch wenn ich mir natürlich diesen oder jenen flappsigen Kommentar nicht verkneifen kann, wenn sie von Nagellack anfängt. Aber wieso schätze ich die Petra dennoch, auch wenn das irgendwo „typisch“ weiblich ist? Weil sie sich eben nicht auf dieses Klischee zurückzieht und einfach sie selbst ist. Gleiches natürlich bei meiner Frau, die sich ebenso nicht darauf zurückzieht, aber zugegeben, da bin ich natürlich befangen.

Ich will damit nicht sagen, dass man als Frau nicht auf Kleider oder Aussehen achten darf. Ich bin sehr dafür, dass jegliche Geschlechterrolle erhalten bleibt, denn das ist wichtig. Wichtig ist aber eben auch, dass es wegkommt von diesem „weibliche Spieler machen dies und das nun einmal“ und „männliche Spieler sind halt so“. Das ist nämlich einfach gefährlich, wenn man denn wirklich Gleichberechtigung will, wenn man denn wirklich was an diesen verkrusteten Strukturen ändern will.

Ich bin aber der festen Überzeugung, dass diese Spielerin in diesem Thread sich und der weiblichen Spielerschaft keinen Gefallen getan hat. Viele Männer saßen bestimmt davor und nickten zustimmend: „Ja, so sind weibliche Spielerinnen…“ So ein Blödsinn! Zieht euch nicht auf dieses Klischee zurück, verdammt! Menschen sind vielfältiger!

Ganz davon abgesehen, dass die Dame in dem Aion-Thread den gleichen Blödsinn mit Hartz IV sagt hat sie den ganzen Thread für mich auf eine überaus komödiantische Ebene gehoben. Das ist doch wirklich absurd, in welche Richtung das da geht.

Wollt ihr also Klischee oder Mensch sein? Darum geht es doch in der ganzen Debatte! Tut mir leid, aber wenn ich diesen oben verlinkten Beitrag in den Aion-Foren sehe, dann auch noch den Namen „Sternlein“ sehe, dann kann ich schon deutlich die „Dummchen“-Stimme im TeamSpeak hören. Da kriege ich echt zu viel bei der Vorstellung. Was für ein Glück sind nicht alle weiblichen Spieler so…

2 thoughts on “Aion in the city

  1. Herrlich Holger, einfach nur herrlich! Ich darf von dir zitieren:

    “ Da sprechen Frauen ewig von Gleichberechtigung, wollen ernst genommen werden, leben dann aber in genau diesem verkrusteten Weltbild weiter und sonnen sich in ihrer Geschlechterrolle. Das ist nicht Emanzipation, das ist das Neuentdecken der eigenen Unmündigkeit.“

    Mit jedem einzelnen Wort dieser Sätze sprichst du mir zutiefst aus meiner weiblichen, selbstständigen und mündigen Seele! Und ja, du schätzt mich gottseidank richtig ein. So schick und schön ich auch Farben in meinem Leben finde, welche ich liebend gerne in Nagellacke, oder anderen dekorativen Dingen umsetze, so sehr kann ich mit Frauen nix anfangen, die sich ähnlich verhalten, wie das „Sternlein“ aus dem von dir verlinktem Thread. Nur kopfschüttelnd kann ich aus diesem Thread wieder von dannen ziehen. Es ist bitter, dass soviele Frauen, und in diesem Fall auch weibliche Spieler noch immer nicht den Grad für sich finden können/wollen, und sich auf Klischees reduzieren, und das auch noch ernst meinen.

    Ich erinnere mich schauderhaft an meine einstige (Zwangs)Teilnahme an einem Gender-Mainstreaming Seminar. Wo die Damen nichts anderes zu tun hatten, als sich in 2 Tagen jede Minute behaupten zu müssen, weil ja so schwach und arm, Männer sowieso übel sind und was weiß ich noch alles, gruselig. Dabei war das eigentliche Ziel eine Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsplatz, tja.

    Und weißt du was toll ist? Ich kenne Männer, die sich im Leben gerne pflegen, gut kleiden, und denen das eben auch wichtig ist, modisch auszusehen. Ingame wie auch IRL. ;)

    Und diese „Harz IV Empfänger-Sprüche“ von solchen Leuten sind nicht nur unter aller Kanone, sie entbehren jeder Grundlage und sind oftmals von Missgunst und Neid geprägt, wie paradox das doch ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.