Ein kleines Licht in der Dunkelheit – Teil 1

Previously on Aion

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„Ildan!“, Kassiopeia schrie verzweifelt auf und sie sah nur, wie drei verschwommene Gestalten, verhüllt in Keramikmasken, einen kleinen Griffo hinweg zerrten. Sie war hilflos, machtlos, an einen Baum gekettet, während sie sich entfernten und der kleine Griffo verzweifelt in den Händen seiner Entführer strampelte und nach deren Hände hackte.

„Kiraaaaaaah!“

„ILDAN!“, Kassiopeia saß kerzengerade im Bett, als der Albtraum von ihr fiel wie Balaur aus der Dredgion. Sie zuckte zusammen. Hatte sie jemanden im Haus geweckt? Sie hoffte es nicht. War der Schrei wirklich nur im Traum oder hatte sie auch wirklich geschrien?

Sie spürte, wie ihr Herz wummerte, konnte jeden einzelnen Schlag donnern hören. Ihr Atem war schnell und schnaufend, als ob sie stundenlang durch Sanctum gerannt wäre und der Schweiß stand ihr auf der Stirn.

Kassiopeias Blick fiel zur Seite auf das andere Bett, wo Ildan lag – viel zu weit weg. Er wirkte erschöpft und am Ende und das zu sehen – nein, das konnte sie nicht. Er hatte so viel durchstehen müssen, war ihnen nicht ein klein wenig Ruhe vergönnt? War ihnen nicht ein klein wenig Zeit vergönnt zusammen? Sie hatte so sehr gehofft, sich so sehr gewünscht, dass sie nun in aller Ruhe all das nachholen könnte, was ihr im Sturm der letzten Wochen nicht vergönnt war. Doch es schien wieder anzufangen. Zeit! Sie waren Daeva, bei Aion! Wieso fanden sie nicht Zeit für wenigstens ein wenig Ruhe? Nur ein klein… wenig…

Sie schlug die Bettdecke zur Seite und stand auf. Immer noch spürte sie sich nicht wohl von den Schlägen, die sie einstecken musste, als sie am Baum gefesselt den Häschern des Schwarzen Tors ausgeliefert war. Zum Glück konnten Ildan, Eilinora und Lomea sie finden, bevor die Worgs durch das rohe Porgus-Fleisch angelockt sich an einem rothaarigen Imbiss gütlich getan hätten. Aber sie spürte noch die Schmerzen – nicht nur die körperlichen.

Auf wackligen Beinen stackste sie hinüber zu Ildans Einzelbett. Sie konnte nicht erkennen, ob er ruhig schlief oder nicht. Sie war selbst noch zu sehr halb in dieser Traumwelt gefangen, die sie nicht mehr los ließ und die die Angst der letzten Wochen wieder heraufbeschworen hatte. Das markerschütternde „Kiraaaah“ und die aufgerissenen Augen – Kassiopeia schüttelte den Kopf, um diese schrecklichen Erinnerungen los zu werden, doch der Schrei gellte noch in ihren Erinnerungen. Sie konnte ihn nicht mehr verlieren – durfte sie nicht. Und so konnte sie auch nicht schlafen.

Kassiopeia schlüpfte verschämt unter die Bettdecke. Klein – viel zu klein war dieses verdammte Bett. Sie merkte, dass sie hinten fast herunter fiel, aber sie wollte ihn nicht wecken. Also musste sie damit leben, die Balance einigermaßen zu halten und sich an ihn zu lehnen, damit ihr Gewicht sie nicht nach hinten aus dem Bett zog. Ihr war egal, wie klein das Einzelbett Ildans war, in das Lomea ihn gesteckt hatte. Sie hatte Angst, ihn wieder zu verlieren und sie hatte Angst, dass er nicht mehr zu Stärke finden würde, wenn das so weiter ging. Er kämpfte – immer weiter. Er dachte nicht an sich. Aber das würde ihn letzten Endes vernichten – und sie damit auch. Hatte er es denn nicht verstanden? Er musste keine Kämpfe mehr allein ausfechten! Ach, dieser Sturkopf!

Liebevoll strich sie Ildan eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während sie ihren Kopf an seine Schulter von hinten legte: „Weißt du denn nicht, dass du nicht mehr vorstürmen musst? Alleine? Du Depp, du Depp, du Depp! Ich bin doch da! Du musst dich ausruhen, bitte. Wenigstens ein wenig. Ich flehe dich an. Sonst brichst du mir noch zusammen. Weißt du nicht, was das für mich bedeutet?“ Flüsterte sie leise mit einer liebevollen Verzweiflung in der Stimme.

„Sie ist tot, sie kann dir nichts mehr tun. Sie kann uns nichts mehr tun – sie kann uns nicht mehr entzweien. Doch selbst wenn sie nicht tot ist, ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas tut…“, Kassiopeia legte sich von hinten an Ildan und legte beschützend den Arm um ihn und bald war sie schon wieder eingeschlafen, jeden Moment drohend, hinten herunter zu fallen. Doch das war ihr egal. Sie hatte allein so nicht mehr liegen können.

Bald war sie wieder ins Reich der Träume entschwunden und träumte davon, wie die Welt sein sollte: Sie träumte davon, wie Ildan tatsächlich für sie kochte, wie er es versprochen hatte. Sie träumte davon, wie sie beschämt war, dass sie selbst zwei linke Hände dabei hatte und es nie wirklich lernen konnte oder wollte. Sie träumte davon, wie er beim Essen mit leuchtenden Augen von Siel sprach und in jenen Augen die Begeisterung und dieser Eifer lag, den sie für all die Werte der Daeva verspürte, wie ihr Vater sie ihr gelehrt hatte. Und sie träumte davon, wie sie sich in diesem leuchtenden Blick Ildans verlor. Sie träumte davon, wie sie redeten und redeten – so, wie sie noch nicht dazu gekommen waren. Wie sie ihm alles erzählte, ihre Sorge und ihre Angst, um ihren Vater, wie sie mit Eilinora und Lente die Feder fand. Sie träumte davon, wie sie mit Stolz davon kündete, wie sie die Asmodier-Bewegungen an der Schwefelbaum-Festung auskundschaftete, um Bericht zu erstatten und sie träumte davon, wie sie beide gemeinsam mit unzähligen anderen Schwingen ins Auge von Reshanta flogen. Ja, so sollte es sein – so und nicht anders.

Doch so war es nicht…

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