Nun sag‘, wie hast du’s mit der Religion?

Ich war gestern Abend ein wenig ziellos in Aion. Wenn man es genau nimmt, nicht gerade ziellos – vermutlich eher lustlos. Das lag nicht an dem Spiel, sondern an meiner Laune, die gestern nicht gerade die beste war.

Daher habe ich mal dies, mal das gemacht. Bis mich dann jemand auf die Idee brachte, doch meine Zauberin mal wieder auszupacken und zu twinken. Dabei gab es eine interessante Diskussion und mir wurde bewusst, dass ich wohl einen WoW-Virus abbekommen hatte – oder er zumindest sich langsam breit gemacht hatte. Zum Glück konnte der Angriff abgewehrt werden und ich hoffe, meine Immunabwehr ist nun in dieser Richtung gestärkt.

Worum geht es? Das Problem bei meiner Zauberin ist: Sie ist nicht wirklich gut ausgestattet. So richtig beschäftigt hatte ich mich mit ihr nie, denn eigentlich war sie nur so rasch hoch gespielt, um Kassiopeia in unserer Levelgruppe zu ersetzen, damit ich Kassi freier spielen kann. Ich loggte trotzdem immer mal wieder auf meine Zauberin ein, spielte mal so ein oder zwei Stunden, aber so richtig Lust hatte ich dann doch nicht mehr. Nicht, weil die Zauberin mir keinen Spaß machen würde zu spielen – im Gegenteil sogar, wie ich schon einmal schrieb. Aber so richtig voran kam ich nie.

Das liegt daran, dass ich mich nie um die Ausrüstung meiner Zauberin kümmerte. Wieso auch? Ich spielte sie ja kaum. Zwar habe ich natürlich auch mal einen Crafting-Marathon eingelegt, um bessere Sachen für sie zu schneidern, aber wie mir gestern auffiel, waren die allesamt doch nicht so gut. Also wurde mir empfohlen, meine Abyss-Punkte doch auszugeben, mir die mächtigen Kronen von den Veteranen-Belohnungen zuschicken zu lassen und sie komplett mit dem 25er-PvP-Set auszustatten. Meine Frage daraufhin war erst: „Was bringt mir das? Lohnt sich das überhaupt oder sollte ich nicht lieber auf das 40er Set warten wegen der Geschwindigkeit?“

Was bringt mir das? Oh – mein – Gott! Das ist die Frage, gegen die ich so häufig wetterte und nun stellte ich sie selbst! Wie peinlich! Wie schrecklich! Und dass mir das erst so spät im Gespräch auffiel. Es geht doch nicht um: „Was bringt mir das?“, sondern „Habe ich daran Spaß?“!

Das merkte ich aber erst, als mir gesagt wurde: „Naja, du musst eben sehen, ob dir das Spaß macht. Wenn es dir keinen Spaß macht, dann solltest du die vielleicht besser ansparen.“ In diesem Moment machte es bei mir Klick und ich sah mir das PvP-Set an – und verliebte mich in das Design und plötzlich hatte ich richtig Lust, mir das Ding zuzulegen und damit zu twinken.

In dem Moment also, in dem ich den „Was bringt es mir?“-Gedanken ad acta gelegt hatte und überlegt habe „Macht es mir Spaß?“ machte es mir auch plötzlich Spaß! Welch überraschende Erkenntnis! Also… eigentlich nicht, aber so scheint es mir. Denn so, wie es mir gestern ging, geht es ja unzähligen MMO-Spielern da draußen ständig. „Was bringt mir das?“ – die WoW-Frage, wie ich sie gerne nennen würde in Anlehnung an die Gretchen-Frage. Denn das ist so essenziell und entscheidend und sagt so viel über die eigene Spiel-Einstellung aus:

„Was bringt mir das?“ – Spaß. Das ist doch, warum wir hier sind.

Nun wird es einige geben, die einwerfen: „Aber mir bringt es eben Spaß, wenn ich effektiv bin.“ Ja, das mag stimmen. Worin liegt aber der Unterschied? Wenn man ehrlich ist, antwortet derjenige dann auf die Frage „Was bringt mir das?“ mit „Effektivität“. Das ist seine erste Antwort, wenn das so wichtig ist. Es ist dieses Gefühl, das man in sich drinnen hat, man will etwas erreichen, man will etwas leisten, man will effektiv sein. Natürlich kann man sagen: „Mir bringt es Spaß, andere wegzuroxxorn.“ Aber da ist eben auch nicht die erste Antwort „Spaß“, sondern „Wegzuroxxorn“.

Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn meine erste Antwort auf die Frage „Spaß“ wäre. Diesen Unterschied habe ich gestern am eigenen Leib gemerkt, denn es fühlte sich so unendlich anders an – und das innerhalb von nur fünf Minuten. Ich habe das förmlich gespürt, wie mein Gefühl plötzlich anders wurde.

Irgendwann antwortet jeder in irgendeiner Ebene „Spaß“, aber es kommt nicht darauf an, ob es die zweite oder dritte Ebene ist – bei manchen vielleicht sogar erst die vierte. Es kommt darauf an, ob es die erste Ebene ist! Das ist, wo das Spielgefühl hingehen sollte. Das ist, was wir Spieler langsam aber sicher zu verlieren drohen.

Was bringt mir ein Spielabend mit Freunden zu verbringen? Spaß! Das sollte doch die Antwort sein. Nicht: „Dann bin ich mal wieder unter Leuten.“ Was bringt mir ein Kinobesuch? Spaß! Auch hier sollte die Antwort nicht sein: „Dann komme ich mal wieder raus.“ – selbst wenn das dann auf der zweiten Antwortebene „Spaß“ wäre.

Wenn ihr einen Encounter einmal bestanden habt, das Item bekommen habt und dann keine Lust mehr auf den Encounter habt, dann kann es natürlich sein, dass der Encounter einfach langweilig designed ist. Aber viel häufiger denke ich, wird man feststellen, dass es die Item/Achievement/Kinah-Fixiertheit ist, die einen dazu treibt, den Encounter zu machen. Aber sollte man sich wirklich davon antreiben lassen? Sollte es nicht eher sein: „Boah, da habe ich jetzt voll Bock drauf!“ Denn dann gibt es auch keine langen Gesichter, wenn ein Item mal nicht droppt, wenn ein Achievement mal nicht aufplöppt, wenn man nicht genug Kinah bekommt.

Geht in euch hinein, versucht in euch zu hören, versucht den Spaß auf der ersten Antwortebene wieder zu finden. Entsagt den schnöden Items, dem Gold, dem Kinah, den Achievements in der ersten Antwortebene. Lasst den Spaß dort wieder rein!

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