Traum vom Nebel

Hin und wieder habe ich alte Geschichten im Kopf, die ich gerne erzählen würde – schon allein, damit ich sie nicht vergesse. Daher habe ich nun eine neue Kategorie aus dem Boden gestampft und heute fange ich mit einem ganz besonderen Schmankerl an, das mir eingefallen ist, als ich letztens über „Subway to Sally“ schrieb.

Es gibt einen Con, der in meinem Umfeld als „Der Con, den man nicht nennen darf“ bezeichnet wird. Ich begehe einfach einmal den Frevel und nenne ihn: „Zeit des Nebels“. Es war mein zweiter LARP-Con irgendwann 1998 oder 1999 und ich war als NSC angemeldet. Mit ein paar Kumpels und den Leuten vom Drachenreiter-Verein hatten wir uns angemeldet, wobei Marc, Tobi und ich als NSCs dabei waren, Sebastian und Thilo (ja, „der“ Thilo) als Spieler.

Ich weiß den Namen der Burg schon gar nicht mehr, aber es war ein recht bekannter Veranstaltungsort – hübsche Aussicht von einem Berg über das Dorf darunter und ein netter Wald drumherum. Am ersten Abend kamen wir leider erst recht spät an und schon nach der NSC-Einweisung, weswegen wir auch nicht eingewiesen wurden und uns „unter die Spieler mischen“ sollten. Gesagt, getan, Spaß gehabt. Die Spieler kamen durch einen mysteriösen Nebel in die Burg und waren von der Außenwelt durch eine Nebelwand abgeschnitten.

Alles war recht atmosphärisch und im Prinzip waren wir an dem Abend Spieler. Am nächsten Tag allerdings waren wir NSCs und man merkte irgendwie, dass die Stimmung immer schlechter wurde. Die NSCs und vor allen Dingen die SL beschwerte sich darüber, „wie blöd die Spieler“ doch seien – das sagt eigentlich jede SL und jeder NSC, kein Wunder, denn man weiß es immer besser. Ob die Spieler nun wirklich so blöd waren oder nicht, sei einmal dahin gestellt, aber es ging um einen uralten Gott oder Halbgott oder was-auch-immer-das-war, den die ansässigen Drow beschwören wollten – den Mobruk.

Die Spieler sollten das eigentlich verhindern – gelang ihnen aber nicht. Das gipfelte dann abends darin, dass der Halbgott erschien und wir als seine Untoten die Charaktere töten sollten. Töten? Ja, allesamt. Die Spielleitung meinte, dass die Spieler es nicht anders verdient hatten, wenn sie sich so blöd anstellten. Also erschien der Mobruk und ging durch die Burg.

Er deutete auf die Spieler und sagte dann nicht sonderlich atmosphärisch: „Du bist tot“. Meine Lieblingsszene war, als er im Burghof stand, auf drei Spieler an einer Treppe deutete und sagte: „Du bist tot, du bist tot, ach… und du da hinten? Du bist auch tot.“ So stellt man sich doch einen Charaktertod vor, oder? So richtig… episch. Da hat sich jemand ganz mächtig Mühe gegeben bei der Darstellung und die Spieler waren (zu Recht) richtig angepisst.

Wir als NSCs taten unseren Teil und spielten unsere Untoten noch blöder, als sie eigentlich waren, damit wenigstens ein paar Spieler fliehen konnten. Ach, nein, konnten sie nicht, denn die SL sagte fliehenden Spielern, dass sie nicht durch die Nebelwand durchkommen konnten. Also waren sie auch tot. Das wurde also ein Charaktermassaker mit dem höchsten Body-Count, den ich jemals auf einem LARP erlebt habe.

Seither gibt es bei uns den Ausdruck „gemobrukt“: „Ohne Liebe zur Darstellung eine vollkommen unberechtigte und überpowerte Aktion spielen.“ Vielleicht war es auch dieser Con, der in mir diese Aversion gegen „2!2!2!2!“- oder „2, Geweiht!“-Rufe erzeugt hat, weswegen ich in meiner ganzen LARP-Zeit nie (wirklich nie) solche Sachen in den Mund genommen habe.

Ich habe diese Informationen immer in entsprechenden Kampfsprüche verpackt und es machte einfach viel mehr her, wenn ich mit meinem Kleriker auf den Untoten zugestürmt bin und geschrien habe: „Spüre diese von Tyr geweihte Waffe, Ungezücht der Nacht!“ Wenn der Untote nicht darauf reagierte, dann war das göttliche Fügung, aber ich hatte so wunderbare Kämpfe mit genau dieser Herangehensweise, die so ein atmosphäretötendes „Geweiht! Geweiht! Geweiht“-Gebrülle erzeugt – und so manchen NSC, der sich am Boden liegend bei mir für den schönen Kampf bedankte. Meine Kämpfe, auch im LARP, waren nie effektiv, aber immer cineastisch und ich denke durchaus mit Stolz sagen zu können, dass es dadurch was für das Auge war.

Mein Lieblingskampf war aber immer noch, als ich meinen Tyr-Priester-Kender Fineas spielte und sein Mentor Kyle von Schatten fast getötet wurde und Finnie dann in den „Berserker“ ging. Was war das toll! Ganz ohne „Heilig! Heilig! Heilig!“, sondern mit flüchtenden Schatten, die sogar schreiend vor mir weggerannt sind. Darstellung > Regelreiterei!

Aber zurück zu „Zeit des Nebels“: Die Stimmung könnt ihr euch vorstellen, oder? Alle waren richtig stinkig und jeder beschloss, seinen Charaktertod zu ignorieren und den Con aus seiner Con-Liste zu streichen. Thilo fuhr morgens beim Check-in in die Burg, schaltete seine Musik an und während wir auscheckten hallte passenderweise folgendes Lied über den Burghof: „Traum vom Tod 2“.

Die SL verschwand übrigens nach einigen Monaten spurlos von der Bildfläche und wurde seither nicht mehr gesehen.

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