Der Besuch der alten Lore

Ein Gedankengang kam mir bei der Diskussion unter Rollenspielern bei den Aion-Pets auf: Viele, die sonst „Lore! Lore! Lore!“ rufen, warfen ein, dass diese Pets so gar nicht in Aion reinpassen. Einige davon vertreten sogar den Standpunkt, dass dies und das zu hell ist und das und das zu bunt. Das mag alles sogar seine Richtigkeit haben, aber mich wundert, dass ausgerechnet diese Leute, die sonst nach der Tante Lore schreien, plötzlich sich dagegen wehren, wenn etwas neues an Lore hinzukommt. Was? Das soll Lore sein? Streng genommen – ja.

Lore ist immerhin der Hintergrund, der von offizieller Seite einem Spiel oder einem Setting aufgedrückt wird. Das ist nicht nur das Setting, dass wir mit Daevas spielen, sondern eben auch solche Sachen. Das sind merkwürdige Naturgesetzte, die sich durch die Spielmechanik erschließen, das sind nun einmal auch solche Eigenheiten, dass Asmodae vielleicht vom Hintergrund her düster ist, diese Dunkelheit aber weniger darin besteht, dass man seine Gamma-Einstellungen hoch drehen muss, um überhaupt etwas zu sehen, sondern in gedeckteren Dunkel bis Dunkel-Violett-Tönen oder dass viele Gebiete so kalt sind, dass der Schnee darüber liegt.

Zu solchen Sachen kommen auch die Pets. Wie kann man auf der einen Seite sagen: „Die Lore sagt, aber…“ und dann, wenn Pets kommen sagen: „Nein, das passt nicht.“ Wenn man den Weg der Lore-Fanatiker geht, müsste man konsequenterweise sagen: „Das wurde von offizieller Seite eingefügt, das ist die Lore.“ Damit sind dann Pets oder die neue Sommermode in Aion Hintergrund – Lore.

Ob einem das gefällt oder nicht, ist eine andere Sache und dass der Fandom schon immer gerne zwischen Kanon und nicht Kanon unterschieden hat ebenso. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen im Dragonlance-Fandom, dass „Kendermore“ nicht zur Lore zählt, weil Lore-Schnitzer drin wären („in Krynn gibt es keine Orks“ etc.). Sowas hat der Fandom schon immer gemacht und manche Sachen wurden vom Fandom soweit geblockt, dass es wirklich nicht in die Lore kam und von offizieller Seite zurückgerudert wurde. Das Ganze ist also ein Geben und Nehmen zwischen Hersteller und Fandom.

Das unterstreicht übrigens meine persönliche Haltung, dass „Lore“ eigentlich ein sehr schwammiges Gebilde ist und daher gehöre ich zu den Leuten, die schon allein bei dem Begriff Bauchschmerzen bekommen und wenn jemand beginnt, mit diesem Wort etwas einzufordern, steigt mein Blutdruck. Ich habe dieses Spielchen bei NWN zu lange mitgemacht und es ist ein absolut scheußliches Wesen – das kann ich euch versichern. Es entsteht kein Rollenspiel daraus, es zerstört es nur und saugt es auf, wie ein schwarzes Loch.

Worum es mir hier geht, ist die amüsante Erkenntnis, dass viele derjenigen, die so laut nach Lore schreien, trotzdem ihr eigenes Bild haben und nicht bereit sind, Lore anzuerkennen, solange sie nicht ihren Finger drauf haben. Das untermauert meine Beobachtung, dass Lore im Normalfall dazu benutzt wird, um eine elitäre Gruppe herauszubilden, die das sagen hat – innerhalb dieses Fandoms. Sie wird benötigt, um Hierarchien aufzustellen, denn die Hierarchie könnte man nicht basteln, wenn es nicht irgendetwas gäbe, was ihr eine Erlaubnis ausstellt. Die Lore macht das.

Wer sich in „der“ Lore auskennt, der gehört dazu, wer dagegen verstößt, rutscht in die Hierarchie herunter. Es ist eine Pyramide, die sich dadurch auszeichnet, wer am meisten Lore kennt und sie am vehementesten vertritt. Ganz oben steht angeblich die Lore – doch in Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit ist es sogar noch nicht einmal eine einzelne Person, die da oben steht, sondern eine eingeschworene Gruppe, die sich gegenseitig auf die Schultern klopft und wohlwollend Lore abnickt oder nicht.

Ähnliches geschieht dann auch bei so Sachen wie den Pets und der Sommermode. Die üblichen Verdächtigen sagen ihre Meinung dazu und der Rest läuft mit und nickt – oder wird ausgeschlossen… oder kritisch beäugt. Das ist eine ganz fürchterliche Dynamik unter Rollenspielern, denn sie schließt aus, sie schafft Hierarchien und über kurz oder lang führt sie nur zu Streit. Ich persönlich bevorzuge da ein offeneres System, das eben die Rollenspielern eigene Dynamik unterstreicht und jedem seinen Freiraum lässt.

Das mag naiv und utopisch klingen – so bin ich aber schon seit über 12 Jahren (eigentlich sogar schon länger). Der Witz ist, dass mir durch genau diese Denkweise durchaus einige Sachen gelungen sind. Mein schönstes Beispiel für das Funktionieren von diesen Denkmustern abseits von Hierarchien und Regelgerüsten ist der Wenzingen-2-Con – ein LARP-Con mit über 200 Spielern gewesen; die Geburtsstunde des Landes Oschenheim im LARP und der erste richtige Con damit. Wir spielten mit so vielen Leuten nach DKWDDK („Du kannst, was du darstellen kannst“) ohne SL-Einwirkung oder Punkte – eine Sache, die bis dahin eifrig dementiert wurde, dass dies möglich sei, denn bis dahin galten DKWDDK-Cons nur möglich, wenn sie kleine Einladungscons waren.

Auch hatten wir zwar Vorgaben auf diesem Con gemacht für unsere Dorf-NSCs und einen kleinen Abenteuer-Plot und eine eigeneständige Räuber-Truppe, die auch ihre Ziele hatte, aber alles verselbständigte sich und wir hielten ganz bewusst nicht den Finger darauf, obwohl es „unsere“ Lore war. Nein, wir überließen es den Spielern, was sie daraus machen wollten.

Für manche Spieler funktionierte es nicht – das muss ich zugestehen. Allerdings lag das daran, dass sie eben zu sehr an alten Strukturen festhielten und auch ständig zu uns als SL gelaufen kamen. Doch wir SLs waren auch „nur“ Spieler, denn alles sollte von selbst laufen. Das verstanden ein paar nicht. Für den Großteil der Spieler schien es jedoch zu funktionieren, wie mein Eindruck danach war und auch die Conberichte mich vermuten ließen.

Das war genau dieses Denkmuster, von dem ich da rede. Nennt mich ruhig naiv und utopisch und idealistisch – aber ich habe schon mehr als einmal bewiesen, dass diese Sachen funktionieren können. Wenn mir jemand einen Molotowcocktail reinwirft (metaphorisch gesprochen), dann kann ich natürlich auch nichts dagegen machen und die Sache explodiert. Das lebt natürlich davon, was meine Mitspieler machen, ob sie mitziehen oder es boykottieren. Letzten Endes also eigentlich nichts anderes als die Dynamik bei „Lore“ – nur eben, dass meine „Lore“ spielergetrieben ist und keine Unterscheidung zwischen Hersteller und Spieler macht. Dadurch gibt es auch grundsätzlich keine Hierarchie und keinen Anspruch, den irgendein Spieler stellen könnte. Das lässt Lore-Fanatiker ins Leere laufen.

Das Problem von Lore – oder sagen wir besser „Hintergrund“ – liegt nicht darin, dass es sie gibt! Das Problem liegt darin, dass Spieler und manchmal auch Hersteller ihn missbrauchen, um Ansprüche zu stellen auf die Welt und ihre Gestaltung. Die Welt muss aber frei sein, sie muss atmen dürfen. Das ist doch der Grund, warum wir das alles machen! Wir sind Rollenspieler! Wir wollen eine interaktive und dynamische Welt. Dogmen und Regeln und Punkte und Formeln und Hierarchien und all dies sind aber Statik und der Tod einer jeden dynamischen Welt.

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