Requiescat in Pace

„Ich glaube, ich bin eigentlich fertig, ich brauche nur noch ein paar Kodex-Seiten“, sagte ich heute Nacht zu meiner Frau, als sie ins Bett ist und ich noch am „Assassin’s Creed 2“ spielen war. Das war ein Trugschluss, dabei hatte es sich wirklich nach einem Ende angefühlt und so, dass die Sache mit den Kodex-Seiten nur noch ein Goodie/Bonus wäre, der mich natürlich aber noch reizte. Es hatte sich so nach Ende angefühlt: Es gab ein „finales“ Attentat, es gab eine schöne Story-Schlusssequenz und ein wenig ausklingen.

Trotzdem brauchte ich noch ewig, um die letzten Kodex-Seiten zu finden; jedenfalls bin ich durch alle Städte gereist, habe die Karten minutiös abgesucht, aber immer wieder welche übersehen, so dass ich dreimal, viermal, fünfmal in den gleichen Städten und an den gleichen Orten war. Ich dachte, ich hätte etwas übersehen und müsste noch beim Kunsthändler Schatzkarten kaufen – dabei waren die Standpunkte alle auf meiner Karte, aber ich konnte sie nicht erkennen. Das ist einer der wenigen Punkte (neben dem Tutorial), die ich an Assassin’s Creed zu bemängeln habe: Die Kartensymbole sind fürchterlich unübersichtlich.

Dann war es soweit: Ich hatte alle Kodex-Seiten! Stolz wie Oskar und schon reichlich müde machte ich mich auf den Heimweg zu Leonardo, drückte ihm die Seiten in die Hand und erwartete die Abschlusssequenz. Es kam auch eine Sequenz, aber kein Abschluss. Was? Noch ein Rätsel? Na gut, das mache ich gerade noch, weil ich eine Vermutung habe, was es sein könnte! Das Rumschieben der Kodex-Seiten war aber auch nicht das einfachste, doch das gelang mir auch.

Es gab wieder eine Sequenz und ich dachte mir: „Jo, jetzt ist Schluss. Borgia ist ja immerhin der Gegner in Brotherhood und hier ist vermutlich das offene Ende.“ Doch dann fragte mich das Spiel: „Wollen Sie nach Rom reisen?“ Ich stutzte und dachte mir: „Jo, offenes Ende. Rom ist ja in Brotherhood. Aber den Abspann will ich sehen.“ Also klickte ich „ja“ – und das Spiel lädt und setzt mich in Rom vor dem Vatikan ab. Was?!

Ich stehe verdutzt unten und denke mir: „Okay, ich bin hundemüde, es ist 3 Uhr morgens, aber ich finde das gerade saucool.“ Dank des Rätsels saß ich noch ganz dicht am Fernseher, um die Umrisse auf den Kodex-Seiten noch genauer zu erkennen und das war für den Abschluss des Levels im Vatikan wirklich toll. Ich war so tief im Spiel drin, ich kletterte die Mauern hoch, ich benutzte alle Assassinenfertigkeiten und schlich mich wie ein Schatten durch die Wachen, um dann kurz darauf hinter ihnen aufzutauchen und ihnen das Assassinenmesser stylish in den Rücken zu rammen – und im Hintergrund diese tolle Musik.

Das Spiel hatte mich tatsächlich auch von der Story in diesem Moment total gefesselt, so dass ich wie ein kleines Kind vor dem Fernseher saß und jubelte und grinste, während ich mich weiter zu Ezios Erzfeind vorkämpfte. Und was für tolle Sequenzen dabei waren! Sich durch einen Gang mit Mönchen an die Wachen heranschleichen, auf der Mauer des Vatikans mit einem Pferd den Feinden entgegenreiten, um sie dann umzumähen, sich in Heuhaufen verstecken, um die Wachen nacheinander auszuschalten, um dann am Schluss die Predigt zu unterbrechen und mich aus den Höhen der Kirche auf meinen Widersacher zu stürzen – die Charakterimmersion war wirklich toll und ich habe richtig mitgefiebert. Und das Spiel ging noch weiter. Ich glaube, ich war so gegen 4.30 Uhr erst im Bett.

Die Story ist großartig und so unglaublich postmodern und post-strukturalistisch. Da freut sich natürlich mein Philologenherz, denn das Spiel ist so tief! Auch philosophisch. Außerdem scheint es mir ungeheuer gut recherchiert. Es gibt so viele Sachen an Hintergrund im Spiel zu der Zeit, was ich mir gar nicht alles ansehen und durchlesen kann, weil mir dazu die Zeit fehlt; was ein Jammer ist, denn da steckt ungeheuer viel Arbeit drin. Aber ich bin absolut begeistert, wie bodenständig das Spiel wirkt, wie komplex es doch ist und wie übernatürlich passend dann doch plötzlich faszinierende Story-Elemente reinkommen, die dem Spiel noch mehr Tiefe geben – schon allein durch die doppelte Erzählebene mit der Geschichte um Desmond in der Gegenwart und den Auditores in der Vergangenheit.

Ich fand das Ende großartig und ich bin überrascht, wie sehr mir doch Ezio ans Herz gewachsen ist, denn eigentlich ist das so gar nicht mein Charakter. Ich finde solche Charaktere nicht schlecht, aber es sind nicht unbedingt solche Charaktere, mit denen ich mich identifizieren kann. Aber dennoch hat er was und ich bin schon ganz heiß auf „Assassin’s Creed: Brotherhood“. Ich will sehen, wie es weiter geht; auch was den Meta-Plot betrifft. Ich bin gespannt, was sie weiter daraus basteln und habe mir vor lauter Vorfreude eben noch einmal den Trailer angesehen, der mir einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen lässt.

Der Trailer ist toll, auch wenn ich finde, dass er bei 1.30 Minuten zu Ende sein sollte und er ein paar Sekunden zu lang geht, um richtig zu fetzen: