I defy you forum structure!

Was mich immer wieder aufregt: die „neue“ Streit/Diskussionskultur im Internet. Sicherlich war damals vor’m Kriesch im Usenet nicht alles besser und vieles ist verklärt, aber trotzdem wurde da wenigstens noch diskutiert. Natürlich auch verbissen, häufig auch unter der Gürtellinie, aber was mich einfach immer wieder und immer mehr ärgert, ist eine Eigenheit, die dadurch kommt, dass die „neuen“ Diskussionen in Foren geführt werden: unnötige Moderationskeulen.

Mir ist bereits mehr als einmal aufgefallen, dass viel zu schnell gesagt wird: „Bleibt On-Topic!“ und ähnliches, auch wenn es nicht wirklich Off-Topic war, sondern sich eigentlich um das Thema noch drehte, sich der Thread aber weiter entwickelt hat. Da kann man dann natürlich auch einen „neuen“ Thread auf machen, aber sind wir doch mal ehrlich: Das ist unnötige Arbeit, macht die Diskussion unübersichtlich und ich werde einfach den Eindruck nicht los, dass dieses „Bleibt On-Topic!“ all zu häufig als Retourkutsche geschieht oder weil einem das Thema nicht behagt oder wie auch immer. Denn der Einwurf kommt selten in wirklich sinnentfremdeten Threads, sondern bei einer „richtigen“ Diskussion.

Diskussionen leben nun einmal und entwickeln sich weiter. Wenn ein anderes Thema daraus wird, bin ich der Letzte, der dann nicht einen Thread abspalten würde. Im Eifer des „Gefechts“ vergisst man das leider nur auch manchmal. Früher im Usenet war das einfacher und da konnte man viel punktueller vorgehen. Da änderte man einfach den Betreff des Posts in „Allgemeine Backtipps (war: Apfelkuchen)“, wenn das Thema vorher „Apfelkuchen“ war, aber die Tipps allgemeiner wurden. Dort konnte man dann auch im weiteren Verlauf der Diskussion das entsprechend ändern – es blieb trotzdem in gleichen Thread, aber es war übersichtlich.

In einer modernen Forendiskussion, wenn es nach manchen Moderatoren geht, würde man dann jedes Mal einen neuen Thread aufmachen – einen für Apfelkuchen (der Ursprungsthread), einen dann für allgemeine Backtipps, wenn die sich aus den ersten Postings ergeben haben und wenn jemand dann einwirft, dass man für den Apfelkuchen am besten Zucker benutzt, der von blinden Mönchen im Himalaya gefertigt wurde, dann am besten dafür auch noch einen. Tolle Übersicht, aber beschissene Diskussionskultur – meiner Ansicht nach zumindest. Das erstickt doch jede Diskussion!

Moderationen sollten dafür da sein, auf ein vernünftiges Miteinander zu achten. Dazu gehört sicherlich auch, die Ordnung der Threads zu wahren. Aber es wird mittlerweile einfach nur noch übertrieben, wie ich finde. Der übliche Moderator ist ein Regelfuchser, dem die Macht der Moderation zu Kopf steigt und „seine“ User als Kinder ansieht, die er dazu erziehen muss, so zu diskutieren, wie er will. Das hier ist aber das Internet – eine Plattform, die grundsätzlich anarchische und dynamische Strukturen hat. Das ist es, was ich am Usenet geliebt habe, denn dort wurde genau das weiter gelebt. Foren sind aber aus all diesen Gründen ein Rückschritt.

Wieso wurden die Diskussionen zunehmend dorthin verlegt, wo Diskussionen häufig wegen zu harter Moderation ersterben? Das widerspricht zumindest dem Geist des Internets, so wie ich es kennengelernt habe und wie ich darin auch diskutieren gelernt habe. Mich ärgert das ungemein. Ja, weil ich natürlich auch betroffen bin immer wieder, weil ich gerne diskutiere, weil ich gerne argumentiere und weil ich finde, dass eine Diskussion sich entwickeln darf und sollte. Daher fuchst mich das ungemein, wenn man diskutiert und als Antwort kommt dann keine inhaltliche Antwort, sondern nur jemand (manchmal sogar mehrere), die sich aufregen, dass es dem Thread-Ersteller doch gar nicht darum ging – selbst, wenn mein Posting tatsächlich sich um das Thema dreht.

Kurioserweise werden diese Diskussionen nämlich durch diese ganzen dämlichen „Bitte On-Topic bleiben!“-Einwürfe nicht thematischer, sondern im Gegenteil: Sie werden oberflächlicher, sie werden einseitiger und sie werden sogar verbissener, weil jeder wie ein kleiner Blockwart darauf achtet, dass es bloß nicht die Grenze der Frage des Threaderstellers übersteigt. Und wenn dann aber der Thread-Titel allgemein gehalten wurde und man darauf hinweist, dass das eigene Posting sowohl auf den Threadersteller eingeht, als auch auf den Titel, nur eben nicht auf die konkrete Frage (weil diese bereits beispielsweise beantwortet wurde und sich daraus eine Diskussion entspinnt), dann wird aber scharf geschossen.

Diese ganzen „On Topic“-Einwürfe und Threadschließungen sind einfach nur noch nervig und viele Moderatoren übertreiben – maßlos. Ich wünsche mir das Usenet zurück, in dem es keine Moderatoren gab. Das ist aber das Schöne an Blogs, denn hier läuft die Diskussion näher an alten Usenet-Diskussionen – es gibt keine hierarschische Aufteilung. Die Diskussion verläuft von Blog zu Blog in einem anarchischem Umfeld ohne Moderation. Innerhalb eines Blogs können natürlich Kommentare und Trackbacks moderiert werden. Aber grundsätzlich empfinde ich die Diskussionsstruktur von Blogs gesünders, als die Diskussionsstruktur, die sich in Foren etabliert hat.