The curse of a vivid mind

Sicherlich bleibt nicht alles so, wie es war und vieles verändert sich. Gerade bei Diskussionsplattformen kann man das immer wieder sehen. So war ich früher beispielsweise in der LARP-Mailingliste und die hatte ein riesiges Mail-Aufkommen damals, an dem ich zum Teil nicht unschuldig war.

Dort wurde gestritten, gealbert, philosophiert, theoretisiert, geplant und so weiter. Manchmal war es heftiger, manchmal weniger heftig. Irgendwann hörte ich auf, in die LARP-ML zu schreiben. Ich weiß nicht mehr genau warum. Dunkel meine ich mich erinnern zu können, dass ich von irgendetwas so angenervt war, dass ich keine Lust mehr hatte, ständig einen auf die Schnauze zu bekommen. Zwar denke ich, ich weiß sogar noch von wem und was es ungefähr war, doch von Toten soll man nicht schlecht reden, daher belasse ich es bei dieser Andeutung.

Immer mal wieder kommt alle Jubeljahre mal eine Mail in die LARP-ML. Trotzdem ist sie schon seit langer Zeit tot. Ohne mich da selbst loben zu wollen, aber ich glaube, ich gehörte damals durchaus zu denjenigen, die die Liste mit am Leben gehalten haben, denn ich war ungeheuer aktiv in den Diskussionen, habe häufig genug selbst welche angezettelt, aber nachdem mir die Lust daran verdorben wurde, gab es wohl auch kaum noch jemand, der da wirklich dahinter war. Also versickerte es und scheinbar verdampfte das Diskussionsinteresse in irgendwelche Foren.

Jetzt war es einmal wieder soweit und es kam tatsächlich eine Mail.

Es ging um ein Video und eine ähnliche Meldung hatte ich noch wenige Tage zuvor auf Facebook gesehen, so dass es nicht neu für mich war. Ich war auf Facebook schon kurz davor, meine gesalzene Meinung zu dem Video zu sagen, doch ließ es dann. Facebook ist kein Ort, an dem man Meinungen pflegen sollte, wie ich die Erfahrung gemacht habe. Die sind hier und an anderen Stellen besser aufgehoben.

Doch dann geschah es und es gab tatsächlich zwei Mails zu dem Video, die in eine ähnliche Richtung gingen, wie meine Meinung dazu – nämlich, dass es nicht witzig ist… bei aller Subjektivität, der „Witzigkeit“ unterliegt. Da ich dann sogar noch die Namen kannte, fühlte ich mich ein wenig an die guten alten LARP-ML-Zeiten erinnert und antwortete auch. Mal wieder mit ein wenig mehr Meinung und siehe da: Es passierte plötzlich etwas. Innerhalb von zwei Tagen hatte die Mailingliste mehr Mails als seit bestimmt 7 Jahren.

Vielleicht sagt dann jemand, dass man eben auch mal über sich selbst lachen können sollte, aber ich glaube kaum, dass ich als langjähriger Kenderspieler oder Hofnarrenspieler nicht über mich selbst lachen könnte – so häufig, wie ich mich zum Affen gemacht habe.

Aber das, was die Comedy mittlerweile so macht, gefällt mir auch größtenteils nicht mehr. Sicherlich gehört da auch dazu, dass man Sachen verzerrt und ähnliches, aber das ist weder überzogen, noch persiflierend, noch satirisch, das ist einfach beleidigend. Aber ich gehöre auch zugegebenermaßen nicht zu den Leuten, die bei Videos lachen, bei denen sich andere auf die Fresse legen oder sonstwie weh tun.

Lediglich die letzte Strophe mit den Menschen in der Zukunft war amüsant. Hätte das gesamte Lied aus solchen Ideen und Parallelen bestanden, hätte ich es vielleicht witzig gefunden – so leider nur beleidigend.

In der Mailingliste entspannte sich sogar eine ganz nette Diskussion, die weiter führte. In alter Mailinglisten-Tradition wechselte ich den Betreff beim Themawechsel und schon waren wir in einer eigentlich ganz netten Diskussion um alte Hasen und die neue LARP-Generation. Denn ich wollte und konnte nicht verstehen, wie die jetzigen alten Hasen (meine Generation, die damals noch die „jungen Wilden“ waren) so lethargisch den Untergang des larpendlichen Abendlandes bejammern konnten.

Wo war da der Missionierungseifer? Der Wille zur Veränderung? Der Drang, etwas zu bewegen? Wo früher ein Tobi Putzo oder ein Fred Schwohl mir und auch anderen gezeigt hat, wie man dies oder jenes macht, mich mal auf ein paar Besonderheiten hingewiesen hat, mir unzählige Dinge beigebracht haben, steckt meine Generation an LARPern anscheinend mittlerweile lieber den Kopf in den Sand und bejammert das Aufkommen von WoW und den MMOs als den Untergang des LARPs.

Das ließ ich natürlich so nicht auf mir sitzen. Klar, ich habe jetzt auch schon lange nicht geLARPt, aber ich bezweifle doch vehement, dass es wirklich an MMOs liegt und dass die Spieler von dort in das LARP geschwappt sind und dort alles verpestet haben. Das Rollenspiel sucht ja immer gerne die Sündenböcke woanders, sei es damals beim P&P die böse, bösen Trading-Card-Games, dann als ich noch geLARPt habe, die bösen, bösen HdR-Filme und mittlerweile waren es wohl die MMOs, die die Apokalypse eingeläutet hatten.

Ich argumentierte und kurzzeitig fühlte es sich wieder wie früher an. Doch dann, ein Wochenende kam dazwischen – Stille. Es war wieder wie vorher – tot. Ein einziges Wochenende! Und schon war all das Potenzial, wieder ein wenig mehr Leben in die Bude zu bekommen verloren. Ein Wochenende zerstörte alle Euphorie, wie es scheint! Ich konnte es nicht glauben! Wir waren doch jetzt die Fred Schwohls und die Tobi Putzos der heutigen Generation! Wir haben den neuen LARPern so viel zu geben, zu erzählen, aber auch selbst zu lernen! Was machen die, wenn es uns nicht gibt?

Da wird lieber das MMO-Genre als „das Böse“ gesehen, anstatt, dass sich auch mal an die eigene Nase gefasst wird. Denn wenn die „alten Hasen“ ihren Hintern nicht mehr hoch bekommen, um eine Veränderung herbeizuführen, indem sie tolles LARPen vorleben und nicht nur vorjammern, dann wundert es mich nicht, dass es dort draußen ach-so-schlimm sein soll.

Aber ist bestimmt sowieso alles Humbug! Ich glaube kein Wort, dass es „dort draußen“ so schlimm sein soll im LARP und früher alles besser. Da verklärt so einiges. Sicherlich ändern sich die Zeiten. Aber auf mich macht es eher den Eindruck, dass die „Alten“ müder geworden sind als früher. Wenn ich mir vorstelle, wie viel Energie mancher der alten, ersten Riege reingesteckt hat, auch immer wieder frustriert war, aber da wirklich vielen Neulingen (wie mir) geholfen hat, dann ist es doch schade.

Liegt dann vielleicht die „andere“ LARP-Kultur nicht nur an den „Neuen, die mit WoW aufgewachsen“ sind, sondern auch daran, dass die Veteranen nicht mehr so viel Euphorie oder Mitteilungsbedürfnis oder Geduld mit sich bringen, um mitzurühren?

Aber was war ich damals froh, dass es solche Leute wie Fred Schwohl (Ruhe er in Frieden) oder Tobi Putzo hier in der LARP-ML gab, die mir als Neuling und Jungspund viele Sachen beigebracht und erklärt haben, die ich vorher nicht verstanden habe. Das braucht sicherlich auch eine Engelsgeduld, aber ganz ehrlich: Wenn man auch nur einem einzigen Neuling auf so eine Weise spannende Ideen und neue Sichtweisen mitgeben kann, dann ist das doch schon ein Gewinn, oder nicht? Sehe ich zumindest so.

Ich habe ja immer noch hin und wieder Mails wegen meiner Kender-Seite und da sind viele Neulinge dabei, die ganz frisch zum LARP kommen. Da bin ich immer offen und ehrlich und sage, dass ich schon länger nicht mehr LARPe, aber ihnen gerne helfe, wo ich kann mit Tipps und Ideen – sei dies zum Charakter oder wie sie das Spiel angehen oder wie sie auf Leute reagieren. Das macht mir zumindest immer ungeheuer viel Spaß, denn ich habe da eigentlich immer das Gefühl, dass diese Spieler extrem dankbar sind und sich darüber freuen, dass sich jemand mit ihnen beschäftigt und ihnen hilft.

Ich glaube, da gibt es noch mehr Spieler draußen, die dankbar darüber sind, wenn sie von „Veteranen wie uns“, die ja definitiv so einiges auf die Beine gestellt haben „damals vor’m Kriesch“, Sachen erklärt bekommen. Und wenn es zum hundertsten Mal erklären bedeutet, dass es nicht stimmungsvoll ist zu rufen „Todeswolke! Du, du, du und du seid tot!“, aber wie man sogar etwas ähnliches machen könnte, das aber 1. allen Beteiligten mehr Spaß macht und 2. viel mehr Rollenspiel bringt.

Nennt mich Idealist, aber ich glaube da ganz fest dran und ich hätte da echt Lust drauf, gegen den Strom zu schwimmen. Nichts anderes haben Fred und Tobi damals ja auch gemacht. Für die müssen solche Leute wie ich auch anstrengend gewesen sein. Aber wenn ich mich so umsehe, dann sind die alten Veteranen ja doch recht ruhig geworden – leider.

Ich denke nicht, dass es an der „WoW“-Generation liegt. Ich habe auch lange Zeit WoW gespielt und sicherlich gibt es auch vieles, vieles, was ich dort zu bemängeln habe an der Community und an den Spielern (nicht umsonst habe ich damit aufgehört), aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das wirklich so übel ist.

Viel konnte ich zumindest auch aus den Online-Rollenspielen lernen – nicht nur WoW. Ich habe da auch viel Ultima Online und Neverwinter Nights und jetzt Rift gespielt – jeweils auf Rollenspielshards. Da gibt es natürlich auch Mist, aber ich habe auch viel mitgenommen, was ich denke, was im LARP ebenso gut gemacht werden könnte und was das LARP bereichern könnte.

Aber zugegeben, ich war schon seit Jahren nicht mehr auf einem Con. Vielleicht ist es wirklich so schlimm, wie alle sagen. Aber ganz ehrlich: Ich kann es kaum glauben. Ich denke eher, dass wir alte Veteranen einfach nur „alt“ geworden sind – und irgendwo verbittert, denn die Vergangenheit wird natürlich glorifiziert und hat eigentlich nichts mehr mit der richtigen Vergangenheit zu tun.

Wenn ich zurückdenke, dann gab es bereits auf meinem zweiten Con 1998 merkwürdige Spieler und auch SLs, die dann Bosse mit „Du, du und du bist tot – ach, du da hinten übrigens auch“ gemacht haben (true story! – „Zeit des Nebels„, wenn sich jemand erinnert).

Das ist schließlich das, was der alte Grieche schon gesagt hat: „Die Jugend von heute hat keine Moral mehr.“ (oder so ähnlich) Das ist ja auch eigentlich allseits bekannt, dass sowas schon seit über 2000 Jahren gesagt wird. Die „gute alte Zeit“ ist eben doch meist nur in der Erinnerung gut.

Aber es waren auch tolle Sachen natürlich dabei! Nur, wie sollen die Neuen die mitbekommen, wenn wir uns zurückhalten und das sowieso als verbrannte Erde und verlorenes Land ansehen? Viele „wissen“ es vielleicht einfach nicht. Daher: Vorspielen, vorleben, dann kommt sowas auch wieder ins Bewusstsein. Die Erfahrung habe ich zumindest in all meinen Rollenspieljahren gemacht.

One thought on “The curse of a vivid mind

  1. Sei unbesorgt, auch ich hab nicht gelacht.

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