Let justice ring

Es gibt da ein ganz schreckliches Phänomen, das mich noch irgendwann in den Wahnsinn treibt und sicherlich für mein Magengeschwür in zehn Jahren verantwortlich sein wird: Je nachdem, wem man einen Text zuordnet, wird der Text entsprechend bewertet. Meint man, dass der Text von einer Person kommt, die man nicht ausstehen kann, dann wird man den Text auch scheiße finden – selbst wenn er nicht von dieser Person ist. Kommt der Text von einer anderen Person, die man mag, so wird man ihn auf jeden Fall nicht ganz so scheiße finden, selbst wenn er schlecht ist.

Natürlich gibt es Kriterien, an denen man einen Text beurteilen kann. Aber ich habe es nun schon in den letzten zehn Jahren – ach was, eigentlich 20 Jahren! – regelmäßig und ständig gesehen, wie ein Text massiv durch den Kontext bewertet wurde. Mag ich den Schreiber? Dann ist der Text gut oder zumindest nicht so schlimm. Kann ich den Schreiber nicht ausstehen? Dann ist der Text eine Frechheit. Will ich dem Schreiber eins reinwürgen? Dann sind die Fehler abgrundtief schlimm, die ich darin finde. Bin ich dem Schreiber wohl gesonnen? Dann werde ich wohlwollend über die Fehler hinwegsehen – sie passieren halt. Kann ich einen Regisseur nicht ausstehen, wird jeder Film von ihm mir nicht gefallen und ich werde zielsicher jeden Fehler finden. Mag ich einen Regisseur, so sehe ich über diese oder jene Kleinigkeit hinweg, denn es gibt ja so viel mehr.

Ich finde das traurig und traurig vor allem, dass wenigen Leuten dies bewusst ist. Und ich habe es schon wirklich mehrfach gesehen und erlebt – sogar „nachweisbar“. Interessanterweise haben die Leute da nämlich gerne auch mal Scheuklappen auf, selbst wenn ich ihnen händeringend etwas zu erklären versuche. Irgendwann macht mich das echt noch krank, wie wenig den Leuten bewusst ist, was für einen massiven Einfluss das Image des Schreibenden bei einem selbst auf die Bewertung eines Textes hat. Wieso ist das so wenig Leuten bewusst?

Schreiben ist nun einmal keine Mathematik, keine Null und keine Eins. Es ist keine in sich analytisch stimmige Welt (David Hume und so mit dem Unterschied zwischen den Sinneseindrücken der Welt und analytischen Wahrheit). Das sollte doch eigentlich jeder in der Schule bereits gelernt haben, wenn der Lieblingsschüler in Deutsch Müll schreiben konnte, wie er wollte, immer eine Eins bekam – ja, manchmal gehörte ich auch dazu. Und der Schüler, den man auf dem Kicker hatte, schreiben konnte, was er wollte und immer eine 4 bekam – ja, auch dazu gehörte ich mal – macht euch mit der vorherigen Klammer einen eigenen Reim darauf, warum gerade das meine These untermauert.