The Reader

Huch, da hatte ich plötzlich auch einen. Nein, kein Smart-Phone – das ginge schon grammatikalisch nicht. Einen e-Book-Reader und zwar einen Kindle. Eigentlich habe ich bisher immer sehr skeptisch dem allem gegenüber gestanden. Ich bin bibliophil – ich liebe Bücher. Wundert vielleicht niemanden, ich habe Literaturwissenschaften schließlich wegen genau dieser Liebe studiert.

Daher konnte ich es mir bisher nicht vorstellen, kein Papier in den Händen zu halten, nicht ein Buch aufzuklappen beim Lesen und nicht das Gefühl des Einbandes zu spüren. Trotzdem habe ich schon häufiger in der letzten Zeit überlegt, ob ich mir nicht doch einmal einen Kindle (oder einen anderen e-Book-Reader) holen sollte. Um so erstaunter war ich, als mir meine Frau gestern zum Geburtstag einen solchen schenkte; denn mit ihr hatte ich – dachte ich – mich nicht über diese Gedanken unterhalten. Trotzdem hat sie genau in diese Kerbe geschlagen, dass ich es überlegt habe, dann aber doch zurückgeschreckt bin. Also eigentlich: perfekt.

Wieso nur eigentlich? Weil ich immer noch nicht so recht weiß, was ich davon halten soll. Im ersten Moment hat mich vieles am Kindle irritiert. Die Installation ging zwar einfach, aber war doch irgendwie unhandlich – ebenso wie die Steuerung mit dieser arg kleinen Tastatur, bei der mir die Tasten manchmal an den falschen Stellen zu sitzen scheinen. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert, mittlerweile klappt es gut.

Jetzt habe ich auch richtig eine Menge Geld bereits ausgegeben. Naja, nicht wirklich eine Menge, aber ich war anfangs schon im Kaufrausch, als ich gemerkt habe, wie problemlos ich jetzt Bücher bei Amazon für den Kindle kaufen kann. Da habe ich den kompletten Poe kostenlos bekommen – ist jetzt auf meinem Kindle. Ich habe den kompletten Shakespeare! Für nur 2 Euro. Ich habe Lovecraft komplett, sogar mit den „Fungi from Yuggoth“, die selbst viele Lovecraft-Jünger weder kennen, noch haben (ich habe sogar die Buchfassung). All das habe ich jetzt nach einem ersten Kaufrausch auf dem Kindle und es fühlte sich geil an. Jetzt habe ich all diese Dinge jederzeit bei mir und es wiegt fast nichts. Shakespeare! Komplett! Yay!

Außerdem habe ich mir den ersten Band vom „Lied von Eis und Feuer“ für den Kindle geholt. Zwar habe ich hier auch die Buchfassungen und die noch nicht angefangen zu lesen, aber ich will es endlich lesen. Genauso, wie ich mir jetzt den dritten Band von „His Dark Materials“ geholt habe. Liegt nämlich in Buchfassung in Karlsruhe und ist ganz schön dick, so dass ich keine Lust habe, das jedesmal mit mir herum zu schleppen – und ich habe sogar endlich weiter gelesen!

Ich bin irritiert. Denn es macht wirklich Spaß, auf dem Kindle zu lesen. Die Qualität ist so großartig. Mir scheint es sogar fast besser zum Lesen als normales Papier, weil das ungeheuer von den Lichtverhältnissen abhängig ist, manchmal traut man sich nicht, das Buch komplett aufzuklappen, manchmal nimmt einem der Einband ein wenig das Licht und erzeugt Schatten – das alles habe ich mit dem Kindle nicht. Und er ist so verdammt leicht! Keine komischen Gefühle in der Hand, wenn ich eine Zeit lang in einer meiner üblichen Lesepositionen war, die nicht wirklich angenehm für die Hand sind, sobald das Buch eine kritische Masse an Gewicht überschreitet.

Begeistert bin ich davon, dass ich jetzt meine Lesezeichen nicht mehr verschlampen oder vergessen kann, denn der Kindle merkt sich für mich, wo ich war. Fürchterlich ist jedoch, dass ich bei den Sachen, die ich bisher so habe, keine Seitenzahlen habe. Seitenzahlen will ich aber! Auch bei e-Books. Schlecht ist auch häufig das Inhaltsverzeichnis und die Navigation im Allgemeinen. Da ist doch  mehr drin, oder?

Unverschämt ist außerdem häufig der Preis. Na gut, Shakespeare für 2 Euro, Lovecraft für 5 Euro und Poe kostenlos – das ist in Ordnung. Aber „Lied von Eis und Feuer“ für 11 Euro fand ich schon hart dafür, dass es nicht wirklich extra gelayoutet aussieht. Es fällt ein Großteil der Produktionskosten weg und das Layout ist für den Kindle nicht wirklich existent, denn ich habe weder eine angenehme Navigation, noch Seitenzahlen. Aber trotzdem kostet es stolze 11 Euro. Finde ich doch recht viel. Es muss j nicht gleich so wenig kosten wie der Shakespeare. Das verstehe ich. Ich bin auch bereit, Leuten etwas zu bezahlen, die mich unterhalten. Aber gerade wenn ich das Buch schon habe, wäre es nicht schlecht, wenn ich für einen quasi minimalen Aufpreis auch die elektronische Variante für den Kindle bekomme. Es ist schließlich nicht so, als ob ich dem Autor da kein Geld gebe. Nur diese doppelte Ausgabe ist schon ein wenig arg, wenn ich mir ansehe, in was für einem Zustand das dann auf dem Kindle ist.

Trotzdem bin ich überrascht, wie sehr mir so ein e-Book-Reader doch gefällt. Ich muss mich ja gar nicht entscheiden, ob „entweder oder“, ich kann schließlich „sowohl als auch“ nutzen. Es heißt nicht, dass ich jetzt nie wieder Bücher anfassen oder lesen darf. Aber wenn ich will, kann ich ganz bequem jetzt den Kindle immer bei mir haben und da Bücher um Bücher mit mir rumschleppen, die ich sonst vielleicht nicht transportieren würde. Gerade für Reisen, wie unsere jährliche in die Türkei oder den Urlaub bei meinen Schwiegereltern bietet es sich an.

Größtes Manko jedoch: Ich habe das Gefühl, dass es bisher kaum deutsche Bücher gibt und schon gar keine Comics. Doch, beides gibt es natürlich, aber es scheint mir doch recht wenig zu sein. Schade eigentlich. Denn gerade Comics würde ich viel lieber auf dem Kindle lesen, denn da hätte ich nicht immer diese Angst, den Comic beim Lesen kaputt zu machen.

Aber eigentlich freu ich mich schon über den Kindle – sehr sogar. Hätte ich nicht gedacht. Wow. Männer und ihre elektronischen Spielzeuge wohl…

10 thoughts on “The Reader

  1. Wie sollten denn Seitenzahlen funktionieren? Du kannst doch die Textgröße ändern…

    Ich hätte auch gern einen ebook-Reader, aber doppelt Zahlen geht nicht, und nur ebook wird bei mir noch eine ganze Zeit dauern. Wenn nur ebook, dann ohne DRM…

    Und da ist schon das nächste. Ich liebe Amazon, weil es soooo praktisch ist. Aber mit dem eigenen Verlag, dem Kindle usw. macht es mir etwas Angst. Ich werde wahrscheinlich einen anderen Reader kaufen, wenn das mal passiert, irgendwas was nicht an einen Anbieter gebunden ist.

    Trotz meiner negativen Einstellung beneide ich Dich und wünsch Dir viel Spass! :)

    Ach und da war doch heute morgen noch was zum Thema, sowas könnte mir gefallen. Muss nichtmal unbedingt DRM frei sein, wenn ich sowieso das Buch als Buch mitbekomme: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/hardcover-plus-e-book-nur-buch-das-gibt-s-nicht-mehr-11552031.html

    • Ach und mal eine ganz andere Sache: Magst Du nicht mal ein Addon installieren, mit dem man die Kommentare abonieren kann? Ich bekomme doch sonst Antworten nie mit. :) Ich benutze z.B http://txfx.net/wordpress-plugins/subscribe-to-comments/

      • Gute Idee, danke.

        Ich habe allerdings das Plug-in bei mir nicht gefunden, das du da verlinkt hast (ich kenne mich bei sowas ja nicht aus und muss daher das nehmen, was bei mir da angezeigt wird). Aber ich habe ein anderes, hoffentlich ähnliches sogar vom gleichen Macher gefunden.

        Ich hoffe, es funktioniert. Falls nicht oder es rumzickt, bitte Bescheid geben, dann schaue ich, was ich sonst noch so finden kann.

    • Mit den Seitenzahlen könnte das ja ähnlich dynamisch funktionieren – zumindest bekommt mein Word das auch irgendwie hin, das jeweils zu berechnen, wie ich das Lay-out ändere. Wobei ich gestehen muss, dass variable Textgröße ein Feature ist, das ich sehr gerne für Seitenzahlen eintauschen würde.

      Für mich gehören Seitenzahlen einfach zu einem „Buch“ dazu – im weitesten Sinne ist ja auch ein eBook trotzdem ein Buch. Variable Textgröße eben nicht. Sowieso stelle ich mir das sehr schwierig für das vernünftige Lay-out von Büchern vor und gerade Belletristik baut bei manchen Sachen eben doch darauf auf, dass die Seite eben genau dort aufhört, wo sie aufhört – noch schlimmer ist das ja eigentlich bei Comics, bei denen ich das auch nicht variabel haben möchte.

      Deine Bedenken zu Amazon kann ich allerdings durchaus nachvollziehen. Andererseits habe ich das Gefühl, dass zumindest Amazon und eBooks da einen gewissen Befreiungsschlag für manche Autoren gegenüber dem starren und lobbyistischen Verlagswesen darstellen könnte. Ob man da den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, ist dann natürlich noch einmal eine andere Frage.

  2. War auch ungefähr meine Erfahrung. Unser Literaturgeschmack scheint ein bisschen zu divergieren (Lovecraft? Pullman? Geh mir weg!), aber den Kindle mag ich auch, eher zu meiner Überraschung. Die Haptik von Büchern war mir zwar nie besonders wichtig, aber ich hätte ihn mir trotzdem nicht selbst gekauft, weil ich einfach den Vorteil nicht sah.
    Bin aber inzwischen eines Besseren belehrt. Vor Allem die Vorlesefunktion ist für mich eine echtes Plus.
    Richtig affig finde ich diese Trennung in deutschen und US-Kindle-Store. Ich lese zwar sowieso fast nur englisch, aber dass ich mein NYT-Abonnement aufgeben müsste, um an deutsche Bücher zu kommen, ist trotzdem ärgerlich.

    • Die Vorlesefunktion habe ich zwar auch entdeckt, aber entweder, ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich sie aktiviere oder sie ist bei meinem doch deaktiviert oder ich bin vielleicht zu unfähig sie einzuschalten (das will ich wirklich nicht ausschließen bei meinen katastrophalen Technikfähigkeiten).

      Aber ich bin auch wirklich einfach überrascht, wie gut mir der Kindle gefällt und dabei hätte ich vor ein paar Monaten noch gesagt, wenn mich jemand darauf angesprochen hätte: „Nein, immer Bücher! Ich will das Gefühl, den Geruch… das alles würde mir bei einem eBook-Reader fehlen.“

      Übrigens: Lovecraft – ja, einer meiner absoluten Lieblingsautoren, aber ich kann es absolut verstehen, wenn man gar nichts mit ihm anfangen kann, denn es ist ein typischer „entweder hassen oder lieben“-Autor. Er ist eben sehr eigen und ich habe unzählige Gründe schon gegen ihn gehört, die ich alle absolut verstehe.

      Pullman lese ich quasi nur noch zu Ende, weil ich „His Dark Materials“ nicht mittendrin abbrechen mag. Das erste Buch fand ich großartig – bis auf den Schluss. Den zweiten Band fand ich sehr durchwachsen mit ein paar guten Stellen und den dritten Band beende ich quasi nur noch, weil ich ungerne Serien mittendrin abbreche, weil ich schon wissen will, wie es ausgeht und ihm auch die Chance geben will, die Dinge noch zu kitten, die mir bisher nicht gefallen haben und seit dem ersten Band fehlen. Denn während ich beim zweiten Band zwar mir häufig dachte: „Nö, finde ich doof“, gab es auch einige Passagen, bei denen ich wieder dieses begeisterte Gefühl aus dem ersten Band hatte. Solche Momente hatte ich zum dritten Band (leider) noch nicht.

      • Die Verlage dürfen wählen, ob sie das Vorlesen für ein Buch zulassen oder nicht. Vielleicht hast du einfach keins, bei dem das geht.
        Literarisch:
        Ich will jetzt nicht nervig konträr sein, aber ich hasse Lovecraft nicht. Ich finde ihn einfach ziemlich egal. Ich habe da immer das Gefühl, dass er einfach nur möglichst viele Adjektive wie „blasphemisch“, „unaussprechlich“ oder „wahnsinnig“ aneinanderreiht und dann hofft, dass der Leser sich den Rest ausmalt. Ich kann mir einiges ausmalen, aber dafür brauch ich dann keine lahmen Vorlagen.
        Ging mir bei Pullman auch so. Mir haben so viele Leute erzählt, das Buch sei besser als der Film, dass ich es mal ausprobieren wollte. Fand das Buch dann aber genauso meh wie die Verfilmung.

        • Das würde erklären, warum ich geschlagene zehn Minuten verzweifelt über dem Kindle gesessen habe und geschaut habe, wie ich das Vorlesen aktiviere, es aber einfach nicht wollte. :/

          Zu Lovecraft: Jap, da kann ich wirklich kaum was dagegen sagen. Ist schließlich einer der Hauptkritikpunkte von vielen an ihm und das mit Recht. Ich mag aber gerade seine Beschreibungen sehr, weil ich finde, dass vieles so ungeheuer viel Kraft hat – jenseits seiner Adjektivitis. Gerade sein „Beschreiben durch Nichtbeschreiben“ ist etwas, das mich ungeheuer beeindruckt hat damals und mich bis heute noch begleitet.

          So gerne ich ihn da in Schutz nehmen würde und sagen wollte, dass das nicht so wäre, aber das bringt nichts, denn es stimmt leider einfach. Das Problem ist: Wenn er es nicht so machen würde, dann würde es nicht so funktionieren, wie es mich wirklich beeindruckt. Denn es klappt vermutlich nur so auf diese Weise und die Sache mit den Adjektiven ist da vermutlich leider ein lästiges, aber natürliches Beiprodukt.

          Mir geht es dabei hauptsächlich darum: Es gibt einfach Dinge bei ihm, die man nicht beschreiben kann. Daran scheitert der Erzähler immer wieder und wieder. Das ist, was den kosmischen Horror transportiert und ein grundlegendes Element bei allem. Unsere Sprache ist menschlich, sie versagt. Unser Verstehen ist menschlich, es versagt. Der Mythos lässt es einfach nicht zu und daher ist die notwendige Konsequenz daraus, dass es eben nur solche Adjektive sind, die es beschreiben kann – und dann wiederum eben nicht.

          Wobei ich hoffe, dass es nicht so rüberkommt, als ob ich da jetzt unnötig überzeugen will. Ich wollte es nur versuchen zu klären, was es ist, was mich so reizt gerade daran. Daher nehme ich das mit der Adjektivitis gerne in Kauf, denn das, was daraus wächst, finde ich so ungeheuer kraftvoll auf diese Weise.

          • Verstehe durchaus, was du meinst, und ich gönn’s dir natürlich auch. Ich finde nur, es wäre mit weniger oder abwechslungsreicheren Adjektiven womöglich noch ein bisschen kraftvoller.

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