Oh, Captain, mein Captain

Heute will ich eine Lanze für Captain America brechen, denn mir ist das jetzt im Vorfeld von „Avengers“ und jetzt auch danach immer wieder aufgefallen: Die Leute schütteln den Kopf und geben Captain America noch nicht einmal den Hauch einer Chance. Das ist unfair, denn da schwingt häufig diese prinzipielle Scheu und Abneigung gegen Amerika und Patriotismus mit.

Ich bestreite gar nicht, dass Captain America Propaganda-Material war. Das habe ich sehr deutlich bei meinen Recherchen zu einer Arbeit über die 9/11-Ausgabe von Spider-Man gesehen, als ich aus Interesse ein paar andere Artikel über Comic-Rezeption gelesen habe. Das kann und werde ich nicht leugnen – schon allein der Name ist da recht deutlich. Doch das war der alte Captain America. Was haben wir heutzutage? Den postmodernen Captain America – zumindest in den Filmen. Wie es in den Comics ist, kann ich nicht sagen, doch es würde mich schwer wundern, wenn das so sehr davon abweicht.

Der postmoderne Captain America aus den Filmen ist zwar überzeugt von Amerika, aber er muss mehr als einmal sehen, wie verlogen es ist. Dieser Captain America löst sich von seinem Hintergrund, denn er will Gutes tun. Das kann man sehr schön an einem prägnanten Satz erkennen, den man als Prämisse des neuen Captain Americas sehen könnte. Diesen Satz sagt er zu seinem späteren Mentor, als dieser ihn fragt, ob er rausgehen will und Nazis töten (frei aus der Erinnerung umschrieben) und Captain America sagt: „I don’t want to kill anybody. I don’t like bullies; I don’t care where they’re from.“

Dieser Satz überzeugt Abraham Erskine erst, dass er der Richtige ist. Denn es geht nicht darum, Vorurteile zu schüren, sondern „das Richtige“ zu tun. Dass man auch mal falsch handeln  kann mit guter Absicht, steht außer Frage. Doch hier zeigt sich, dass es gar nicht so sehr um Nationalitäten geht. Das zeigt sich auch so deutlich, dass sein späteres Team im „Captain America“-Film aus allen möglichen Nationalitäten besteht und sein Mentor sogar Deutscher ist.

Hinzu kommt, dass immer wieder das Thema auf sein albernes Kostüm und den übertriebenen Patriotismus zur Sprache komme – und wenn ich „immer wieder“ schreibe, dann meine ich „ständig. Der Film ist vermutlich auf eine zu subtile Weise sehr kritisch gegenüber diesen Themen, denn wenn man Patriotismus in diesem Film sehen will, dann sieht man ihn natürlich. Kein Wunder, denn er wird kritisiert. Dass da viele mit einer entsprechend vorurteilsbeladenen Einstellung an diesen Film herangehen, hilft da nicht – im Gegenteil. So kann man das alles natürlich nicht sehen.

Der postmoderne Captain America ist ein guter Kerl, der zwar ein Soldat ist und gewohnt ist, Befehle zu befolgen, der aber auch weiß, was falsch ist. Nicht umsonst dreht er fast durch, als er in „Avengers“ eine bestimmte Entdeckung macht und ihm ist das vollkommen egal, ob das nun Amerika vor hatte oder nicht. Da möchte ich wirklich auch ein besonderes Augenmerk darauf bringen: Nicht Iron Man hat das entdeckt, sondern Captain America! Gerade Iron Man als der Rebell hätte sich angeboten, doch Captain America findet es.

Wer also immer noch guten Gewissens behaupten kann, dass Captain America Schund ist, der hat entweder diesen postmodernen Captain nicht gesehen oder sich nicht auf ihn eingelassen. Denn der hat eigentlich nur als Hülle und als Symbol sein albernes Kostüm und den bescheuerten Namen. Darunter, der Charakter selbst, ist ein Mensch, wie du und ich und gerade das wird ungeheuer häufig betont. Gerade dieser Kontrost zwischen übertriebenem und albernem Äußeren und moralischer Stärke und auch persönlicher Distanz macht diesen Captain America aus. Denn der findet die Sache mit der Fahne, dem Kostüm und dem Namen genauso albern und scheiße.

Ich will übrigens gar nicht behaupten, dass der „Captain America“-Film super ist. Er ist in Ordnung und fällt leider gegenüber „Thor“ deutlich ab. Trotzdem ist es ein sehr unterhaltsamer und überraschend guter Film – wenn ihm eine faire Chance gibt und nicht gleich mit „das ist mir zu patriotisch“ wegbügelt. Das hat der Film nicht verdient.

Auch über die Endsequenz könnte man sich streiten, denn der Witz ist, dass im Abspann ungeheuer patriotische Propagandabilder mit einem sehr hoerischen Thema gezeigt werden – ein wunderschönes Musikstück übrigens. Aber wenn man sich den Film vorher angeschaut hat und diesen Abspann nicht vollkommen aus dem Kontext reißt und vor allen Dingen das Anti-Happy-End sich anschaut, dann bekommt dieser Abspann einen sehr bitteren Beigeschmack – hat er zumindest bei mir. Unkritisch ist anders.

Nur weil ein Film ein Thema behandelt, bedeutet es noch lange nicht, dass er diese Position vertritt. So funktioniert das weder in Kunst, noch in Literatur und bestimmt auch nicht in Filmen.

2 thoughts on “Oh, Captain, mein Captain

  1. Ich kann jetzt nur von der „Civil War“-Storyline sprechen, aber auch da ist Cap alles andere als der stumpf Befehle befolgende Supersoldat. Ganz im Gegenteil, er schließt sich der Fraktion an, die gegen eine Meldepflicht (inklusive der Öffentlichmachung der Identität der Helden) für Metamenschen ist und arbeitet schließlich quasi im Untergrund im Widerstand.

    Ironischerweise ist in dieser Storyline gerade Iron Man das Aushängeschild der Regierungsbewegung, die die Registrierung von Superhelden fordert. So arschig wurde Tony Stark glaube ich selten dargestellt.

    • Okay, dann ist es zumindest in den Comics wohl auch so. „Civil War“ ist ja – glaube ich – nicht mehr so richtig neu, aber wenn ich mich nicht ganz täusche, ist das auch eher ein Kind der letzten Jahre? Würde dann ja durchaus dazu passen, dass der „heutige“ Captain America da definitiv ein anderer ist, als der, den die meisten Leute im Kopf haben.

      Ging mir ja nicht anders, denn als es hieß: „Es gibt einen Captain America-Film“ habe ich nur mit den Augen gerollt und gerufen: „Wiesoooooo?“ Ebenso ging es mir aber auch mit Iron Man und Thor, denn das waren alles immer Superhelden, die ich damals in den 80ern so ungeheuer… langweilig… fand. Trotzdem haben sie da was richtig Ansprechendes draus gemacht und ich finde, dass der neue Captain America da definitiv jenseits von plumpem Patriotismus zu finden ist.

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