The defiant few

Klischees – viele von uns kennen diesen Ausdruck und häufig wird er negativ benutzt. Gerade viele Freizeitkritiker beschweren sich über zu große Klischees in diesem oder jenem. Sobald man einen Stereotyp sieht, meint man gleich, dass man ein Klischee gefunden hat.

Das habe ich gerade im Zuge der Defiance-Serie wieder und wieder gehört. Da laufen sie wieder auf und sind ganz stolz, dass sie diesen oder jenen Stereotyp entdeckt haben und behaupten gleich, es wäre eine Schwäche. Doch das ist eine naive und oberflächliche Sichtweise, die meist nur dazu gedacht ist, Pseudo-Argumente gegen etwas zu finden.

Was die Leute finden, sind aber meist keine Klischees, sondern Stereotypen. Ein Klischee wird er erst dann, wenn er abgedroschen ist oder schlecht eingesetzt wird.

Aber gut eingesetzte Stereotypen sind wichtig. Das ist etwas, was ich sowohl als Rollenspieler als auch als Schreiber gelernt habe. Sicherlich kann man das übertreiben und es gibt so einige, die das machen. Gerade Disney schießt gerne mal deutlich über das Ziel hinaus. Aber häufig machen sie es auch genau richtig.

Gut eingesetzte Stereotypen sind Ankerpunkte für uns. Sie stellen etwas Bekanntes dar, an dem sich der Zuschauer oder Leser festhalten kann, um Zugang zu finden. Deswegen bin ich um vernünftige Stereotypen froh und sie sind nicht direkt ein Klischee.

Wenn man es genau nimmt und sich zumindest etwas mit Narratologie auskennt, dann weiß man, dass man so ziemlich jede Geschichte oder jeden Plot auf bestimmte „Urgeschichten“ zurückführen und vereinfachen kann. Beispielsweise kann ich unzählige romantische Komödien auf folgendes Schema reduzieren: „Ein Mann und eine Frau verlieben sich, zerstreiten sich und bekommen sich doch am Ende.“ Da sind schlechte Komödien dabei und gute – je nachdem, wie dieser Stereotyp benutzt wird.

In der Narratologie geht es sogar weiter und es wird von sehr, sehr wenigen Grundtypen ausgegangen wird, aus denen sich Geschichten entwickeln. Ich selbst habe Narratologie in meinem Studium nur gestreift – war nicht mein Schwerpunkt. Das, was ich dort mitgenommen habe, war aber sehr interessant und lehrreich. Wer sich also mehr für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich nach Narratologie zu suchen, beispielsweise bei Gérard Genette.

Schlagen wir wieder den Bogen zu Defiance. Da gibt es Stereotypen und die werden sehr deutlich am Anfang klar gemacht. Doch das ist nicht schlimm, denn das ist, was ein Pilot machen sollte. Hier geht es um die Exposition. Die Charaktere werden vorgestellt. Manche Serien machen das langsamer und brauchen dafür eine ganze Staffel wie Babylon 5, aber meist übernimmt das der Pilotfilm.

Bei Defiance werden einige Dinge gleich am Anfang deutlich und jeder Charakter bekommt eine sehr kurze und sehr charakteristische Vorstellung. Ich finde das sehr gelungen. Es ist nicht komplex und sicherlich nicht literaturnobelpreisverdächtig, aber das brauche ich auch nicht. Es geht darum, unterhalten zu werden. Es geht darum, Zugang zu der Serie und den Charakteren zu finden. Dafür funktioniert es und es macht Spaß.

Der Witz ist, dass viele aber dann gleich „Klischee!“ brüllen, wenn sie sich anbahnende Romeo&Juliet-Plotstrukturen entdecken. Nein, das ist noch kein Klischee. Das ist ein Stereotyp. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Viele wollen Überraschungen und daher meiden sie Stereotypen und bezeichnen sie gleich als Klischee. Doch Überraschungen bekommt man erst, wenn Stereotypen existieren. Denn erst dann, kann der Stereotyp eine Wendung erhalten, erst dann kann das Klischee gebrochen werden. Ohne Stereotyp kann kein Klischee gebrochen werden.

Ob bei Defiance damit gespielt wird? Das kann ich noch nicht sagen. Aber nicht immer muss ein Stereotyp gebrochen werden.

Manche legen an eine solche Unterhaltungsserie größere Maßstäbe an, als ich sie in meinen literaturkritischen Diskussionen häufiger hatte. Und wieso? Zum Selbstzweck – das ist das Schlimme. Sie zerreden und zerreden und zerreden. Sie ereifern sich daran, dass sie was gefunden haben. Das macht einem aber alles kaputt.

Defiance hat Stereotypen – ja. Meiner Ansicht nach braucht eine Serie das auch und wenn wir uns mal umsehen, dann startet jede Serie damit. Wie damit umgegangen wird, entscheidet dann darüber, ob das gelungen ist oder nicht. Aber grundsätzlich kann ich bei jeder Serie anfangs in Stereotypen einteilen. So funktioniert nun einmal das menschliche Denken: über Schubladen. Das ist aber nicht die Schuld der Schreibenden.

Rekapitulieren wir: Das, was viele Leute mit „Klischee“ meinen, ist eigentlich ein „Stereotyp“. Stereotypen sind nicht von sich aus schlecht, sondern zu einem gewissen Grad gesund und wichtig. Zerreden einer Serie zerstört einem den Spaß daran. Glaubt mir das. Ich habe es gelernt, Literatur oder Filme oder Serien zu zerlegen – das war mein Studium. Den Schalter kann ich viel zu selten ausschalten. Dass man etwas findet, macht einen nicht besser oder zum Herr über ein Buch oder eine Serie und macht dies auch nicht schlecht. Es zerstört einem nur den Spaß – und das Buch.

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