Der Akt des Hörens

Bei meinem Jan-Tenner-Rerun merke ich, wie sehr man sich doch verändert. Ich erinnere mich an manche Bilder und Momente noch recht gut. Sogar einige Dialogfetzen kann ich vorausahnen, denn die Hörspiele habe ich als Kind rauf und runter gehört. Dennoch erlebe ich die ganzen Geschichten anders.

Damit meine ich noch nicht einmal, dass ich als Kind echt Schiss bei den ersten Folgen hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie die 2. Folge mit dem „Tödlichen Nebel“ mir ein unglaubliches Unbehagen erzeugt hat, weil ich mich so ungeheuer stark in Jan Tenner in seinem Miniroboter reinversetzen konnte. Schon kurios, denn die Perspektive ist eigentlich eine andere: Der Zuhörer hört gemeinsam mit Tanja und Professor Futura die Funksprüche von Jan. Man ist also durch die Erzählperspektive noch nicht einmal dicht an ihm dran.

Viele Bilder, die ich noch im Kopf hatte, höre ich nun vollkommen neu und die Kulissen verändern sich dadurch. Ich merke, wie ich mir die Dinge heute anders vorstelle als damals. Einige Dialogmomente habe ich als Kind wohl sogar komplett überhört oder ignoriert. Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie das Kino in meinem Kopf so vollkommen anders aussieht, als das, wie es an sich war.

Gerade bei der „Zeitfalle“ ist mir auch wieder aufgefallen, wie unterschiedlich meine Erinnerung doch zu den Bildern ist, die ich dann heute mir vorgestellt habe. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Während ich mir wirklich ständig als Kind einen ungeheuer dichten Dschungel vorgestellt hatte, habe ich heutzutage das Bild einer gerodeten Waldfläche im Kopf – das, was auch wirklich beschrieben wurde. Es ist ungeheuer spannend, wie unterschiedlich die Wahrnehmung da ist und wie sehr fehlendes Wissen über manche Dinge wohl diese Bilder beeinflusst hat. Denn als kleiner Knirps konnte ich mir vermutlich kaum etwas unter einem gerodeten Dschungel vorstellen.

Viel spielte wohl auch damit rein, dass ich als Kind immer mit der Hülle der Kassette vor Augen die Folge gehört habe. Das bedeutet, dass ich in vielen Momenten mir wirklich das vorstellte, was man da auf dem Cover sah – auch wenn das nur in den seltensten Fällen wirklich so passierte. Dennoch beeinflusste mich das wohl auch stark. Jetzt mit den MP3 sehe ich die Cover natürlich fast gar nicht mehr während der Autofahrt.

All das ist ungeheuer spannend und erinnert mich an eine Hausarbeit, die ich mal zu Studiumszeiten über Reader Reception Theory geschrieben habe. Das Thema war damals, wie die unterschiedlichen Ausgaben vom Herrn der Ringe das Lese-Erlebnis beeinflussen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich da die grüne Edition und das rote Buch miteinander verglichen und auch einen kleinen Ausflug zum Hobbit-Comic gemacht. Das ist aber schon lange her. Doch ich denke, dass es ein ähnliches Thema ist.

Sehr spannend diese ganze Hörspielsache, nur leider fehlt mir die Zeit, das Ganze ein wenig fundierter und wissenschaftlich zu beleuchten. Daher bleibt es leider nur bei diesen sehr subjektiven Gedankenfetzen.